François Biltgen
Minister für Kultur, Hochschulwesen und Forschung
Anläßlich der Einweihung der Salle de Concerts Grande-Duchesse Joséphine-Charlotte
Luxemburg, den 26. Juni 2005 Königliche Hoheiten,
Majesteit,
Herr Bundespräsident,
Senhor Presidente,
Herr Präsident der Abgeordnetenkammer,
Liebe Kollegen aus dem Kulturministerrat der Europäischen Union,
Liebe Kollegen aus dem Kabinett,
Exzellenzen,
Meine Damen und Herren,
Léiw Frënn , léiw Éiregäscht,
Antoine de Saint-Exupéry schrieb 1943 in einem berühmt gewordenen Brief: «(...), es gibt nur ein Problem, ein einziges, in der Welt. Dem Menschen eine geistige Bedeutung geben. Geistige Verunsicherung abbauen. Auf sie etwas herab regnen lassen, was dem gregorianischen Gesang ähnelt. (...) Wir können nicht mehr von Kühlschränken, Politik, Skat und Kreuzworträtseln leben, verstehen Sie. Das geht nicht mehr. Man kann nicht mehr ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe leben.» 1
Diese Sätze haben heute kaum etwas an Bedeutung verloren. Sie entsprechen genau dem, was eine Kulturpolitik sein soll, die das innerste Anliegen der Männer und Frauen unserer Welt ernst nimmt. Als Kulturminister empfinde ich heute abend eine sehr große Freude, Sie im Namen der Regierung des Großherzogtums Luxemburg und des Vorsitzes des Ministerrats der Europäischen Union, ganz besonders auch im Namen von Premierminister Jean-Claude Juncker, vom Minister für öffentliche Bauten Claude Wiseler, von der Staatssekretärin für Kultur Octavie Modert, begrüßen zu dürfen, in diesem neuen von Architektenhand geschaffenen Werk voller Poesie, das in einigen Augenblicken in Harmonie aufgehen wird. Der Großherzogin Joséphine-Charlotte Konzertsaal wird, davon bin ich überzeugt, das Prunkstück jener herrlichen Juwelensammlung sein, die der Europaplatz einst werden wird.
Wenige Meter von hier, Sie haben es wahrgenommen, als Sie heute abend das Foyer der Philharmonie betreten haben, erhebt sich das vom Architekten I.M Pei entworfene künftige Museum für Moderne Kunst, das im Herbst 2006 eröffnet wird, und das den Namen seiner königlichen Hoheit des Großherzogs Jean tragen wird.
Monseigneur ,
Ihre Anwesenheit heute abend, um die Philharmonie einzuweihen, die den Namen Ihrer geliebten Gattin, der Großherzogin Joséphine-Charlotte trägt, ehrt uns sehr. Ich weiß, dass Ihre Frau, eine große Kunstliebhaberin und Sammlerin von Gegenwartskunst, von ganzem Herzen den Bau sowohl des Museums für moderne Kunst als auch den der Philharmonie wünschte. Und wir sind glücklich darüber, dass I.K.H. Großherzogin Joséphine-Charlotte diesem schönen Konzertsaal ihren Namen zu geben eingewilligt hat.
Königliche Hoheiten,
Sie haben die Nachfolge angetreten, und wir sind glücklich und stolz über Ihre Anwesenheit heute abend. Ihr Interesse an der Kunst und Ihre Leidenschaft für das Kulturleben sind für uns eine große Ermutigung. Sie sind der Beweis dafür, dass unser Herrscherpaar, das sich in allen Bereichen des sozialen Lebens engagiert und das sich alles zum Anliegen macht, was die Herzen unserer Luxemburger und Nicht-Luxemburger Mitbürger berührt, auch der Kultur die angemessene Wertschätzung entgegenbringt. Monseigneur, Madame, wir danken Ihnen dafür.
Dës zwee nei Lëtzebuerger Kulturgebaier gehéieren zu deene schéinsten Haiser, déi et op der Welt gëtt: mir sinn houfrech, datt se den Numm droën vun eisem fréiere Grand-Duc Jean an vun eiser fréierer Grossherzogin Joséphine-Charlotte: ech mengen, Messeigneurs, Madame, doranner en Ausdrock ze gesinn vun deem déiwe Respekt a vun der ni gebrachener Léiwt vun de Lëtzebuerger fir hir Dynastie. 2
Königliche Hoheiten,
Majesteit,
Herr Bundespräsident,
Senhor Presidente,
Meine Damen und Herren,
Léiw Frënn , léiw Éiregäscht,
Das Projekt eines großen Konzertsaals, das in der Vergangenheit schon oft erwogen worden war, hat eigentlich erst 1995 Form angenommen, als Luxemburg zum ersten Mal „europäische Kulturhauptstadt“ war: auf dem Klimax des Kulturjahres, dessen Erfolg alle Erwartungen übertraf, wurden sich die Luxemburger - die manchmal zögerlich sein können und dann die eigenen Möglichkeiten unterschätzen - bewusst, dass sie sich die Mittel geben müssten, die ihren Ansprüchen entsprächen. Die nationale Gemeinschaft willigte ein, beachtliche Leistungen aufzubringen, um unser Land mit leistungsfähigen und zeitgemäßen Kulturinfrastrukturen auszustatten. Historischen Bauten neues Leben einzuhauchen und gleichzeitig den Mut zu haben, sich neuen architektonischen Herauforderungen zu stellen, war die Losung mehrerer aufeinander folgender Regierungen. Investieren in Kulturinfrastrukturen ist nicht nur, was man volkswirtschaftlich « Standortpolitik » nennt. Es ist eine gesellschaftliche Grundsatzentscheidung, die Wahl einer Lebensform.
Wenn Kulturinfrastrukturen einerseits das äußere Erscheinungsbild einer Stadt oder das Markenzeichen eines Landes verändern, so schaffen sie andererseits auch, direkt und indirekt, Arbeitsplätze. Aber letztlich geht es um mehr: sie verändern nämlich grundsätzlich das Alltagsleben, die Sozialtextur eines Landes und helfen damit, Mut und Vertrauen in die Zukunft zu bewahren.
Der Joséphine-Charlotte-Konzertssaal ist eine derartige Verwirklichung. Ich könnte auch noch das Centre culturel de Rencontre, Abbaye de Neumünster, nennen, wo sich morgen die Kulturminister der Europäischen Union treffen, die heute abend unsere Gäste sind, oder das Festungsmuseum, ein Ort, an dem unsere Identität oder unsere Identitäten gedeutet werden, das Nationale Literaturzentrum, das Casino, Forum für zeitgenössische Kunst, das Centre de Musique Amplifiée (Rockhal), das Centre national de l'Audiovisuel, das neue Nationalarchiv, die künftige National- und Universitätsbibliothek und viele mehr.
Beim Bau der neuen Philharmonie haben drei Grundsätze uns geleitet:
- Erstens, galt es einen gewissen Rückstand aufzuholen, der die Entwicklung und die Professionalisierung des Musiklebens negativ beeinflusste. So wird die Philharmonie der Sitz des Orchestre Philharmonique du Luxembourg werden, das unter der Leitung des leider allzu früh verstorbenen David Shallon, und seines derzeitigen Dirigenten Bramwell Tovey ein Orchester von Weltrang geworden ist, ein regelrechter Kulturbotschafter Luxemburgs.
- Zweitens, hieß es eine zeitgenössische Architektur schaffen, die einem Land entspricht, das seine Stellung halten und eine Rolle in Europa und in der Großregion spielen will. Ich verneige mich vor dem visionären Geist Christian de Portzamparcs der, eigenen Aussagen zufolge, einen bedeutsamen urbanen Anhaltspunkt schaffen wollte. Die Philharmonie, sagt er, „ wird ihr eigenes Licht haben. Nachts, wird sie nach außen strahlen. Sie wird das Spiel des Tageslichts, das die Felsvorsprünge von außen trifft und sie von oben ‚streichelt’, zurückwerfen. Die Architektursequenz des Foyers wird so vom Tag- und Nachtwechsel bestimmt sein. Im Dunkeln, sollte die Philharmonie wie eine große öffentliche Leuchte wirken.“
- Drittens, wollten wir den Kulturschaffenden und den Kulturakteuren, aber auch dem Publikum, welcher Art es auch sei, Instrumente einer anspruchsvollen Kulturpolik als die möglichen Pfeiler gesellschaftlichen Zusammenhalts, zur Verfügung stellen. Die Philharmonie wird Musik in höchster Qualität bieten. Mein Dank gilt daher dem Akustiker Albert Xu für seine «shoe-box ». Darüber hinaus wird sie der Saal aller Luxemburger sein, der Saal all derjenigen, die in Luxemburg leben und arbeiten, all jener, die nach Luxemburg kommen und dort entdecken, dass Luxemburg nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Zukunft hat. Mein Dank gilt Damien Wigny und seinem Verwaltungsrat und insbesondere Direktor Matthias Naske und
Denn die Musik gehört zur Luxemburger Identität. Ich sage das hier einige Tage nach unserm Nationalfeiertag, dem Geburtstag unseres Staatsoberhauptes. Im 19. Jahrhundert, als die Selbständigkeit unseres Landes ständig vom Ehrgeiz der Großmächte bedroht war, haben die Luxemburger, die sich ihrer Identität nicht unbedingt sicher waren, sie selber geformt. In diesem Prozess spielte auch die Musik eine Rolle. Im Rahmen eines 1852 von der Regierung ausgeschriebenen Musikwettbewerbs schossen Fanfaren, Harmonien und Chöre wie Pilze aus dem Boden. Sie führten die Luxemburger an die Musik heran und haben damit gesellige und gesellschaftliche Bande geknüpft. Heute kennt dieser Bereich eine noch größere Entfaltung. In allen Bereichen der Musik sind die Einwohner unseres Landes aktiv, und die neue Philharmonie wird ihnen eine Bühne geben, eine Bühne, die es dem Publikum, welches auch seine Interessen sein mögen, erlauben wird, Musiker und Musik aus der ganzen Welt zu entdecken.
Was für eine beachtliche Herausforderung, diese Philharmonie! Es brauchte schon Mut, politischen Mut vor allem, um diesen Konzertsaal zu schaffen. Ich möchte hier vor allem einer großen Förderin der Kultur, meine Anerkennung zollen : Frau Erna Hennicot-Schoepges, verantwortliche Kultur- und Bautenministerin bis 2004, die heute unter uns weilt, und die es gerade in Bezug auf den Konzertsaal, den wir heute einweihen, verstanden hat Vision und Pragmatismus zu verbinden. Mein Dank geht auch Herrn Minister Robert Goebbels, verantwortlicher Bautenminister zur Zeit als der internationale Wettbewerb ausgecshrieben wurde, an alle Mitarbeiter und Verantwortliche des Bauten- und Kulturministeriums, an die Fachleute aus allen Bereichen des Baus und der Fertigung, die alles auf sich genommen haben, um dieses Gebäude rechtzeitig fertigzustellen. Mein Dank geht schließlich an die Abgeordnetenkammer, die dem Staat die notwendigen Mittel bewilligt hat.
Königliche Hoheiten,
Majesteit,
Herr Bundespräsident,
Senhor Presidente,
Meine Damen und Herren,
Léiw Frënn , léiw Éiregäscht,
Wie vielen anderen Ländern ist auch unserem Land seit der Befreiung vor 60 Jahren, Frieden und Wohlstand gegeben, und das dank der europäischen Konstruktion.
Aber neben dem Frieden und dem Wohlstand braucht Europa einen dritten Pfeiler, die Kultur. Sie bietet eine Hilfestellung bei der Suche nach Lebenssinn, sie vermag Wege aufzuzeigen angesichts des Bedürfnisses nach geistiger Heimat und Identität. Kulturhandeln ist sinnstiftendes Handeln, das vielfache Bedeutungen zuläßt. Es ist somit ein Garant von Toleranz in einer Welt, die von Fanatismen jeglicher Art bedroht ist. Darüber hinaus wird Kultur immer mehr zu einem Faktor des gesellschaftlichen Zusammenhalts in einem Europa, das seit jeher und immer noch, auf dem Weg zu einer europäischen Identität ist.
2007 wird Luxemburg, und zwar sowohl die Stadt als auch das Land, zum zweiten Mal die Ehre haben “Europäische Kulturhauptstadt“ zu sein. In einem wahrhaft europäischen Geist hat unser Premierminister Jean-Claude Juncker vorgeschlagen, das Projekt auf die Großregion auszuweiten, auf die französisch- und deutschsprachige Gemeinschaften Belgiens, auf das Saarland und Rheinland-Pfalz in Deutschland, auf Lothringen in Frankreich. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, die uns manchmal auseinandergebracht hat, vor allem aber haben wir eine gemeinsame Bestimmung. Die Kultur hat uns vereinigt, sie kann ein neuer Leitstern sein.
Einem europäischen Beschluss, der unter luxemburgischem EU-Vorsitz getroffen wurde, vorausgreifend haben wir schon 2003 beschlossen, die Stadt Sibiu, früher Hermannstadt, in Rumänien an dem grossen Abenteuer „Europäische Kulturhauptstadt“ zu assoziieren. Diese Stadt in Siebenbürgen hat im 13. Jahrhundert Einwanderer aus unseren Landstrichen aufgenommen, die dort das fanden, was bei uns zu jener Zeit eher selten war, nämlich Arbeit und zivile Rechte. Einige der Nachkommen sprechen auch heute noch eine Sprache, die der unseren sehr ähnlich ist, dem Lëtzebuergeschen, das aus dem Fränkischen, der Sprache Karls des Grossen, enstanden ist. Wa mer roueg riädden, da verstoe mer iis!
Wenn die frühere Kulturministerin, Frau Erna Hennicot-Schoepges, den polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki gebeten hat, ein eigenes Werk zur Eröffnung dieses Konzertsaales zu schreiben, dann war es deshalb, weil das Leben und das Werk dieses großen Komponisten, der uns die Ehre erweist, heute abend bei uns zu sein, das beste Zeugnis sind für eine europäische Vergangenheit, die wohl von Krieg und Unterdrückung geprägt ist, aber auch von einem unerschütterlichen Glauben an das Leben.
Christian de Portzamparc und Krzysztof Pendercki verwirklichen - abgesehen von den zwei sich entsprechenden Vornamen - jeder auf seine Weise den Traum eines Waldes, der sich der Zeit widersetzt. Die 823 Säulen der Philharmonie erinnern an die 1000 Bäume, die Krzysztof Penderecki eigenhändig gepflanzt hat.
Welch schöne Beweise für die gemeinsamen Wurzeln eines erweiterten Europas! Kappen wir diese Wurzeln nicht! Erlauben wir stattdessen dem Baum der Kultur zu wachsen, neue Äste zu bilden und so die europäische Devise der Einheit in der Vielfalt widerzuspiegeln. Morgen werden wir gemeinsam tagen, meine sehr geehrten Kollegen aus dem Kulturministerrat der EU. Geben wir unseren Mitbürgern den Beweis, dass die Kultur ein Zukunftstprojekt von Europa für Europa ist.
Die Periode des luxemburgischen Ratsvorsitzes geht zur Neige. Er kann viele Erfolge verbuchen, aber er hat auch einige Misserfolge einstecken müssen. Geniessen wir die Erfolge! Überwinden wir die Misserfolge! Europa sei in der Krise, sagt man. Europa hat seine Krisen immer zu überwinden gewusst. Europa braucht eine Identität, die unsere Mitbürger eint. Europa muss mehr sein als eine Freihandelszone. Präsident Delors sagte, man empfinde keine Liebe für einen gemeinsamen Markt. Und er hatte recht. Um Begeisterung für Europa zu wecken sind andere Projekte vonnöten, Projekte eines politischen Europas, das sich mit einer gemeinsamen Stimme für den Frieden in der Welt einsetzt, Projekte eines Europas, das auf Wachstum aufbaut und Arbeitsstellen schafft im Dienst der sozialen Kohäsion und vor allem, Projekte eines Europas, das sich eine starke und die Diversität respektierende kulturelle Identität gegeben hat. Am 10. Juli sind die Luxemburger aufgerufen, sich per Referendum über die Zukunft des Projektes Europa auszusprechen. An uns liegt es, Europa eine neue Hoffnung zu geben.
Eine der Zielvorstellungen im Bereich Kultur des Ratsvorsitzes hieß „Mehr Sprachen lernen, um eine gemeinsame Sprache zu sprechen.“ Ja, Europa braucht tatsächlich diese gemeinsame Sprache. Eine gemeinsame Sprache, die wir alle sprechen und die wir seit Kindstagen beherrschen, hat es aber schon jetzt: die Musik.
In einem bekannten Text über den Ersten Weltkrieg schrieb Paul Valéry: Nun wissen auch wir anderen Zivilisationen, dass wir sterblich sind. Angesichts dieser Feststellung sagt Krzysztof Penderecki: „Ich habe beschlossen, mit der Natur ein Bündnis der Glücklichkeit zu schliessen, zum Trotz den sterbenden Wäldern, zum Trotz der menschlichen Kondition, zum Trotz der Einsamkeit und der Vergänglichkeit.“
Heute abend verbindet sich die universale Sprache Musik mit dem Wort. Deshalb Bühne frei jetzt für die 8. Symphonie von Krzysztof Penderecki!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
1In einem nicht abgeschickten Brief an General X. Der Adressat scheint General Béthouart gewesen zu sein. Brief geschrieben in La Marsa, in der Nähe von Tunis, im Juli 1943. Erschienen in Le Figaro littéraire, No 103 vom 10. April 1948. Abgedruckt in Un sens à la vie, Gallimard, 1956
2 Die zwei neuen Luxemburger Kulturbauten gehören sicher zu den schönsten Gebäuden weltweit: wir sind stolz, dass sie den Namen unseres früheren Großherzogs Jean und unserer früheren Großherzogin Joséphine-Charlotte tragen: ich glaube, Messeigneurs, Madame, darin einen Ausdruck zu sehen, des tiefen Respekts und der ungebrochenen Liebe der Luxemburger für ihre Dynastie.




















