Ian Bostridge 2010/11
Der große britische Tenor Ian Bostridge kommt 2010/11 als Artist in residence in die Philharmonie. Nach Pierre-Laurent Aimard 2005/06 und Tabea Zimmermann 2007/08 ist er damit die dritte der bemerkenswerten Musikerpersönlichkeiten, die Sie über einzelne Konzerte hinaus genauer kennenlernen können. Das lohnt sich bei der Stimme als persönlichstem aller Musikinstrumente in ganz besonderer Weise – wie schon ein Blick auf seine Programmwahl zeigt: Virtuose Opernarien des Barock im Zyklus «Voyagedans le temps», ein «Récitalvocal» mit einem der zentralen Liederzyklen der Romantik, ein «Loopino»-Kinderkonzert, eine zweitägige Schubertiade und schließlich in einer großen konzertanten Opernaufführung und (im November 2011) als Solist des OPL zwei Hauptwerke von Benjamin Britten (1913–1976).

 

Für Ian Bostridge ist ein solch vielfältiges Repertoire ganz selbstverständlich. Denn einerseits sieht er enge Verbindungen vom Barock zum 20. Jahrhundert (insbesondere bei Britten). Und andererseits bündeln sich für ihn – bei aller Notwendigkeit, für jede Musik den wahren Stil und Ausdruck zu finden – die unterschiedlichsten Aspekte der Musik in der persönlichen Perspektive: «Mein ganzes Singen wurzelt in meinem Liedgesang – von hier rührt diese enge Verbundenheit mit dem Gefühlsgehalt eines Stücks und eines Textes, die meinen ganzen Umgang mit Musik mit Leben erfüllt.»

 

Dass Musik ein ganz selbstverständlicher Teil des alltäglichen Lebens ist, lernte er bereits in frühester Kindheit – dafür ist er seinen allerersten Lehrern noch immer dankbar. (Daher ist die Begegnung mit Zuhörern zwischen 3 und 5 Jahren im Zyklus «Loopino» vielleicht eine der wichtigsten bei seinen Aufenthalten in Luxemburg; schließlich gehört für ihn auch bei seinen eigenen Kindern das Singen ganz einfach dazu.) Vielleicht spielt für den Werdegang des untypischen Startenors auch eine Art Familientradition eine Rolle, die viel weiter zurück reicht als bis zu den Kinderchor-Erlebnissen seiner Londoner Kindheit – schon sein berühmter Verwandter James Joyce war ein hervorragender Tenor, und auch die Faszination für die Musik der Sprache verbindet ihn mit seinem literarischen Vorfahren: «Der Klang der Worte ist ein Teil der Musik.»

 

Gerade das nicht Erklärbare an der Musik ist es, das den 1990 an der Oxford University promovierten Doktor der Geschichte magisch anzieht. Schon mit seiner Dissertation über Hexerei um 1700 gelang ihm laut Times Literary Supplement «dieses schwierigste Kunststück der Wissenschaft: ein bekanntes Thema so darzustellen, dass man es von da an mit ganz neuen Augen betrachtet». Gut für die Musik, dass er sich seit seinem Wigmore-Hall-Debüt 1993 und seinen fulminanten Opernerfolgen ab 1994 ganz auf die Zauberwirkung des Gesangs konzentriert – denn hier gelingt ihm dieses Kunststück noch viel intensiver. Persönlich erleben können Sie das in der Philharmonie vom Oktober 2010 bis zum November 2011.