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26. April 2019

«Ich gehe offen durch die Welt»

von Tatjana Mehner

Dan Tanson im Gespräch mit Tatjana Mehner

Sie entwickeln – für einige herausragende Konzerthäuser Europas – musiktheatrale Formate für junges Publikum. Was macht für Sie den besonderen Reiz dieser Arbeit aus?

Das ist vor allem, die jeweiligen Adressaten tatsächlich zu erreichen. Jede Altersstufe hat ihre ganz speziellen Bedürfnisse. Während ältere Kinder ab 13 nicht mehr unbedingt einen klaren Erzählstrang benötigen, sondern sich sehr gut von der Musik allein mitnehmen lassen, brauchen die Jüngeren (zwischen fünf und neun Jahren) eine klare Geschichte. Die ganz Kleinen (Zwei- bis Vierjährigen) wiederum werden eher von Spielsituationen im hier und jetzt als von Geschichten angesprochen. Es ist wichtig und spannend zugleich, sich immer wieder am möglichen Erfahrungsschatz des Kindesalters zu orientieren. Es reizt mich ganz besonders, das Publikum im richtigen Maße gleichzeitig zu fordern und zu unterhalten. Ich gehe davon aus, dass ein Kind immer lernbegierig ist, nicht immer nur das präsentiert bekommen will, was es schon kennt, dass es in gesundem Maße überfordert werden sollte; aber trotzdem darf das Geschehen nicht über seinen Kopf hinweggehen.

Das bedeutet, dass man ganz besonders genau arbeiten muss. Für mich sind Kinder ohnehin das wunderbarste Publikum überhaupt. Weil sie nicht in Formaten und Abläufen festgefahren sind, gehen sie viel offener mit dem Gebotenen um, und das ermöglicht natürlich wieder einen viel freieren Umgang mit der Musik oder jedem anderen Material. Und diese Freiheit genieße ich sehr.

Wie finden Sie immer aufs Neue Themen, die die Kinder begeistern?

Ich gehe offen durch die Welt und habe überhaupt keine Vorurteile, treffe keine a-priori-Wertungen. Auch musikalisch treffe ich keine Wertungen: Ich habe kein Problem, Helene Fischer und Patricia Kopatchinskaya gleichermaßen wertzuschätzen. Mir ist wichtig, dass Kunst ehrlich ist – da unterscheide ich nicht zwischen Hochkultur und was auch immer. Ich kann einen High-End-Art-Movie neben einen Disney-Film setzen und beide gleichermaßen genießen.

In den Angeboten für Kinder der Philharmonie Luxembourg zeichnen Sie in dieser Saison für die Serien «Boutchou» (Programm für Zwei- bis Vierjährige) und «Musek erzielt» (Programm für Fünf- bis Neunjährige) verantwortlich, die sich dem Publikum auf je sehr unterschiedliche Weise nähern

Einmal erzählen wir auf Luxemburgisch und einmal ohne Worte. Mit der Wortsprache appellieren wir natürlich zunächst an den Erfahrungsschatz der Kinder, beziehen uns bewusst auf ein Kopfkino bei den Zuschauern – wir orientieren uns dramaturgisch an einer Story-Line. Das ist bei «Musek erzielt» der Fall. Bei «Bout’chou» hingegen verfolgen wir eher einen situationistischen Ansatz, sind an keine Story-Line gebunden. Ich gehe immer davon aus, dass kleine Kinder im Hier-und-Jetzt leben; da wäre es verlorene Müh’ zu sagen: «Stellt Euch vor, wir sind in einem Feld, und überall ist Schnee.» Denn das können sie in einem Raum, in dem nur Stühle und Theaterlicht sind, nicht finden. Das kann dort entstehen, aber das muss im Hier-und-Jetzt geschehen.

Andersherum kann man das bei den schon etwas älteren Kindern, an die sich «Musek erzielt» richtet, sehr wohl sagen. Sie haben schon einen reicheren Erfahrungs- und auch Geschichtenschatz. Sie können eine Schneelandschaft in ihrem Kopf aufrufen, weil sie vielleicht Frozen gesehen haben oder selbst schon Schlitten gefahren sind.

Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?

Für «Musek erzielt» finde ich immer zuerst die Story. Ein Hauptmerkmal meiner Arbeit ist, dass ich immer die Begegnung mit einer anderen Kunstform suche. Für mich ist immer ein Trio grundlegend: Wort-Musik-Bild. Diese drei vermögen es, ein wirkliches Kopfkino zu erschaffen. Ich möchte, dass die Zuschauer ihre eigenen Geschichten entwickeln, mag keine absoluten Vorgaben. Bei «Bout’chou» hingegen entwickle ich mehr aus dem Material heraus. Auch hier habe ich wieder ein Trio. Doch anstelle des Wortes steht nun das Material. Aus dem Trio heraus entsteht eine Situation aus der heraus sich wiederum die Erzählung entwickeln kann. Der Erfolg von «Bout’chou» liegt, denke ich, im Teamwork begründet.

Im Zuschauerraum sitzen aber nicht nur Kinder, sondern auch deren erwachsene Begleiter. Haben Sie die auch im Blick?

Naja, eigentlich besteht unser Publikum zu fast 50 Prozent aus Erwachsenen. Mir ist wichtig, dass sie genauso viel Spaß haben wie die Kinder. Und das geht, wenn jeder sich sein eigenes Bild macht, auf der Basis der Assoziationen, die er hat. Ich mache immer einen Doppel-Check: Was sehe ich als Erwachsener, und was würde ein Kind herauslesen? Den entsprechenden Doppelsinn versuche ich dann auch dem Ensemble zu vermitteln.

Dan Tanson: Musek erzielt | Gusti Minettsdapp & Aucassin et Nicolette | photos: Sébastien Grébille

Sie arbeiten in ganz Europa. Wie sehen Sie Ihre Arbeit in Luxemburg im Vergleich?

Ich muss wirklich sagen, dass das Publikum hier im Moment das beste überhaupt ist. Das war nicht immer so. Ich beobachte das seit etwa fünf Jahren und es ist das Ergebnis einer Entwicklung seit 2005, dem Eröffnungsjahr der Philharmonie. Ich bin ja von Anfang an dabei, habe im Januar 2006 das erste Kinderstück in der Philharmonie inszeniert. Damals hatten die Kinder noch kaum eine Beziehung zur Musik, und die Eltern kamen beinahe mit Popcorn zu den Konzerten. Seit etwa fünf Jahren spüre ich, wie da wirklich Kinder und Eltern kommen, weil sie Musik hören wollen. Das Hören hat sich tatsächlich verändert. Wir haben hier jetzt ein offenes und qualitätsbewusstes Publikum. Und ich weiß auch, dass es Eltern gibt, die über die Kinder den Zugang zur Welt der klassischen Musik überhaupt und damit zum Konzert gefunden haben.

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