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13. November 2019

Kleine Ursache, große Wirkung

von Tatjana Mehner

Nika Schmitt setzt zwei unterschiedliche Bauwerke in Beziehung

Die Idee, dass Kleines Großes beeinflussen, ja steuern kann, ist zentral für das Konzept von Nika Schmitts
Klanginstallation Echotrope, die rund drei Wochen lang eine sinnliche Beziehung zwischen zwei Gebäuden auf dem Kirchberg herstellt, zwischen denen es ursprünglich keine architektonische Verbindung gegeben hat: die 2005 eröffnete vom französischen Stararchitekten Christian de Portzamparc entworfene Philharmonie und der vom luxemburgischen Künstler Bert Theis kreierte European Pentagone Safe & Sorry Pavilion, der zunächst während der EU-Präsidentschaft Luxemburgs im Jahre 2005 als eine Art Aussichtspunkt das Dach des Palais des Beaux-Arts in Brüssel geziert hatte und 2007 seinen Platz auf der Place de l’Europe fand.

Über diese beiden Räume und Räumlichkeiten thematisiert die Klangkünstlerin das Erleben von Innen und Außen, stellt auditive und visuelle Erfahrung im wahrsten Wortsinn gegenüber – und dies obendrein in einer prozesshaften Anordnung. Während sich draußen am Pavillon ein Prozess mit den Augen beobachten lässt, wird auf der Rampe im Foyer der Philharmonie dessen Ergebnis hörbar. Räume werden ineinander übersetzt.

Foyer © Alfonso Salgueiro Foyer © Alfonso Salgueiro

Nika Schmitt, geboren und aufgewachsen in Luxemburg, ausgebildet in Maastricht und inzwischen mit zahlreichen Klangräumen in der ganzen Welt technisch und ästhetisch vertraut, beobachtet sich selbst dabei, wie sie wagemutig zu Werke geht – «so wie man zuhause Dinge tut, die man sonst nie machen würde»; erobert sie sich dabei doch auch Plätze neu, die sie von Kindheit an begleitet haben.

Die Baustelle der Philharmonie gehört zu ihren Erinnerungen, was hier vorher war allerdings schon nicht mehr. Insofern ist es auch die Auseinandersetzung mit einem Raum, dessen Wachstum sie selbst mitverfolgen konnte, dessen Unübersehbarkeit, Ehrwürdigkeit und Monumentalität sie schließlich etwas Zartes, Zerbrechliches gegenüberstellen wollte, das sie im Pavillon gleichzeitig findet und errichtet.

Auf einem drehbaren Podest sind schmale Glasröhren angebracht, die die Anordnung der Philharmonie-Säulen nachbilden. Von außen kann der Betrachter beobachten, wie während sich die Plattform im verschlossenen Glashaus langsam dreht – die Dauer der Drehung entspricht in etwa der Zeit, die es braucht, die Philharmonie auf der Rampe des Foyers einmal zu umrunden –, an zwölf Punkten Hämmer an die transparenten Glassäulen schlagen.

Der Schlag wird in Echtzeit an zwölf Lautsprecher übertragen, die an den entsprechenden Punkten an der Rampe im Foyer befestigt sind und ihren Klang auf die Säulen projizieren. Was immer dem Modell im Pavillon widerfährt, wird in der Philharmonie hörbar.

Der Hörer ist hier eingeladen, den Prozess des Modells im Gehen klanglich nachzuvollziehen. Daher stammt die Wortschöpfung «Echotrope» – aus dem hinlänglich bekannten «Echo» und Trope, Tropus oder Tropo, das im Sinne von Wandel, Wechsel, aber auch Metapherngleichheit verstanden werden kann.

  • Echotrope Echotrope
  • Echotrope Echotrope
Nika Schmitt Installation im Bert Theis Pavillon © Alfonso Salgueiro

Die 823 Säulen des Portzamparc’schen Bauwerks haben von jeher viele und vielfältige Assoziationen geweckt, ästhetische Auseinandersetzung inspiriert – im Rahmen der rainy days 2017 war es Robin Minard, der sie zum Hauptakteur und Aktionsrahmen seiner Klanginstallation On and Between machte.

Der unweigerliche Drang, diese Säulen zu berühren, ist Nika Schmitt besonders erinnerlich aus ihrer ersten Begegnung mit dem riesigen Raum des Philharmonie-Foyers, dessen konsequente Asymmetrie sie nach wie vor fasziniert und in Bann hält; die Lust darauf, während sie über die Rampe lief, den Arm auszustrecken und an den Säulen entlang zu streichen wie am Geländer einer Brücke, die man überquert.

Die Unmöglichkeit, das als kleiner Mensch zu tun, überwindet Schmitt in Echotrope durch die Schaffung des Modells, in dem Klang mechanisch und symbolhaft im Doppelsinn bei diesem Rundgang entsteht. Und so wird Echotrope auch erst in der Bewegung des Rezipienten als Ganzes ästhetisch erfahrbar, indem dieser den Klang beim Gang über die Rampe mitverfolgt, während sich draußen das Säulenmodell im Pavillon einmal um sich selbst dreht und die Arme mit den Hämmern – sie bilden maßstäblich die Abstände zwischen Originalsäulen und Rampe nach – buchstäblich zum Klingen bringt.

Während sich im Inneren der Philharmonie der Mensch bewegt, bewegt sich draußen im Pavillon das Gebäude. Trotzdem bleiben die Prozesse verschränkt. Für Nika Schmitt ist es eine der Stärken von Modellen, dass sie Symmetrien, Rhythmen nachvollziehbar werden lassen und so ermöglichen, den nachgebildeten Raum neu zu erfahren, sich in ihm anders, bewusster zu positionieren. Es geht um einen Rhythmus, der für die Künstlerin schon da ist, der den Raum prägt: der Rhythmus des Lichts, das durch die Säulen fällt – ein visueller Rhythmus. Auch er ist es, der im Pavillon modelliert und zurückübersetzt wird in Klang.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt für Nika Schmitt war die Erkenntnis, dass sie es nicht mit 823 identischen Säulen zu tun hat, dass die Säulen nicht nur in ihren Abständen variieren, sondern auch in ihrer Konsistenz – manche sind hohl, manche gefüllt, andere führen Kabel und Leitungen… Diesem, dem Philharmoniebesucher verborgenen, Faktum trägt Schmitt in ihrer Installation Rechnung und löst einen weiteren – längerfristigen – Prozess aus, da das Holz, das die Glasröhren umschließt, Temperaturunterschieden und schwankender Luftfeuchtigkeit ausgesetzt ist.

Nika Schmitt Installation im Bert Theis Pavillon © Alfonso Salgueiro Nika Schmitt Installation im Bert Theis Pavillon © Alfonso Salgueiro

Zwangsläufig ist der Erfahrungsprozess ein anderer, je nachdem, ob man zuerst die Philharmonie oder den Pavillon entdeckt, ob man zuerst sieht oder hört. An dieser Stelle ist die Reihenfolge des Erlebens für die Künstlerin nicht wichtig, anders als beim Hörparcours auf der Rampe. «Wenn man erst das mechanische System sieht und nicht weiß, worum es geht, wird man den Prozess anders erleben als umgekehrt, wenn man im großen Gebäude beginnt, Geräusche hört und nicht weiß, wo diese herkommen. Danach erlebt man den anderen Teil und stellt die jeweilige Verbindung her.»

Kleines, das sich im Großen auswirkt – Nika Schmitt rekurriert auf die alte Idee eines zauberhaft verschrobenen Gartenhauses, das im Schatten eines Herrenhauses steht und irgendwie immer mit diesem verbunden scheint; darauf dass da vielleicht ein verrückter oder wenigstens sonderbarer Erfinder lebt und schafft, also auf die Redensart der kleinen Ursache und ihrer großen Wirkung.

Der Gedanke, dass in diesem kleinen Glasgebilde etwas beheimatet ist, das die Bedingungen in einem riesigen Raum kontrolliert und man von diesem riesigen Raum aus nicht eingreifen kann, fasziniert die Künstlerin – ein kleiner mechanischer Organismus, der die Kontrolle übernimmt; etwas Unscheinbares, das zum Zentrum des Geschehens wird.

Tatjana Mehner arbeitet seit 2015 als Programme Editor in der Philharmonie Luxembourg. Sie studierte
Musikwissenschaft und Journalistik, promovierte 2003 an der Universität Leipzig und arbeitete als Publizistin
und Forscherin in Deutschland und Frankreich

 

11.01. - 01.12.19

Bert Theis Pavillon

installation sonore

Geöffnet eine Stunde vor Beginn aller Konzerte bis zum Veranstaltungsende

Konzerte

  • 22.11.2019 11:00 Uhr, rainy days 2019

    Nika Schmitt - Klanginstallation

    Liegt in der Vergangenheit

    Klanglich gespiegelte Architektur: In ihrer Klanginstallation Echotrope errichtet die luxemburgische Künstlerin Nika Schmitt im benachbarten Pavillon von Bert Theis die charakteristischen 823 Säulen der Philharmonie en miniature und transformiert sie zu Klangerzeugern. Die Klänge dieser «Mini»-Philharmonie werden wiederum ins eigentliche Gebäude übertragen, dessen Architektur auf diese Weise neu erlebbar und hörbar wird.

    Geöffnet eine Stunde vor Beginn aller Konzerte bis zum Veranstaltungsende

    Dans le cadre de «less is more − rainy days 2019»