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22. November 2019

«less tension» oder «calm down» | Claude Lenners

von Claude Lenners

«less is more» – trifft das auf Musik tatsächlich zu?
Je nach Komponist: ja! Man könnte Erik Satie zitieren, John Cage sowie alle Vertreter der Minimal Music.

Welche Rolle spielt «less is more» für Ihr Komponieren?
Die «less is more»-Formel könnte in meiner Musik umgewandelt in «less tension» oder «calm down» ausfindig gemacht werden. Dementsprechend findet «less is more» Anwedung in unabhängigen Abschnitten oder Übergangstrukturen meiner Partituren. Es ist also eher eine Frage der Strukturierung innerhalb des Gesamtgeschehens auf der Spannungsskala / Dynamikskala. Bei mehrsätzigen Werken meiner Handschrift kann «less is more» daher auch einen ruhigen Satz bedeuten, so wie wir ihn als zweiten Satz in der klassischen Sonate kennen, ohne dass das Formschema der Liedform angewendet wird. «Less is more» könnte aber auch der Titel einer neuen Partitur sein, die noch zu schreiben wäre.

Was ist für Sie die extremste Form von «less is more» in der Musik?
Selbstredend: John Cage 4’33’’.

Claude Lenners Claude Lenners

Sehen Sie in der Kultur der Gegenwart einen Trend zur Reduktion? Und in der Musik?
Wählen wir die Bewegung Minimal Art der 1960er Jahre des 20. Jahrhunderts als Referenz für Reduktion in der Kultur insgesamt, so kann man heute ohne weiteres feststellen, dass die minimalistische Bewegung sozusagen allgegenwärtig ist. Reduktion gibt es in allen Sparten – von der Malerei über Literatur, von der Architektur bis zur Musik. Am offensichtlichsten ist der Einfluss von Minimalismus möglicherweise im Bereich des Designs. Überzeugende Reduktion in der Kunst ist aber nur wenigen richtig gelungen. Man könnte sogar bis auf Mozart zurückgehen, um ein Beispiel zu finden, wie ein Komponist mit nur wenigen Tönen ein Maximum von Expressivität erreichen kann. Reduktion anzuwenden bleibt deshalb ein schwieriges Unterfangen; und nicht immer ist Reduktion ein adäquates Ausdrucksmittel. Die Grenze zur Banalität ist nämlich schnell überschritten. Und so fällt mir die Aussage Einsteins ein, der meinte: «Mache die Dinge so einfach wie möglich. Aber nicht einfacher!»

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