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21. November 2019

«Manchmal möchte man mehr hinzufügen» | Steve Reich

von Tatjana Mehner

Gespräch mit Steve Reich über seine Komposition Reich/Richter

Im Zusammenhang mit Reich/Richter ist oft auf die Einzigartigkeit dieser Kooperation zwischen den Künsten abgehoben worden. Im Laufe ihrer Karriere haben Sie doch sehr häufig den Kontakt zu anderen Kunstformen gesucht, bereits mit bildenden Künstlern im weiteren Sinne gearbeitet. Was macht die Kooperation mit Gerhard Richter für Sie besonders?

Die Tatsache, dass – obwohl wir uns zuvor persönlich begegnet waren – wir das Projekt als solches ganz und gar per Email realisiert haben. Wir hatten uns 2009 in Köln getroffen, als mich Richter gebeten hatte, eine seiner Ausstellungen mit meiner Musik zu begleiten. Wir spielten damals Drumming im Museum Ludwig und Music for 18 Musicians in der Kölner Philharmonie. Nicht, dass wir besonders viel Zeit miteinander verbracht hätten, aber ich würde sagen, dass da gleich eine gegenseitige Bewunderung und Sympathie war. Er verriet mir, dass er beim Malen meine Musik höre.

Was dann für unsere Zusammenarbeit grundlegend wurde, war, dass Richter 2012 sein Buch Patterns herausgebracht hatte, das sich auf einen Prozess stützt, der sich grob wie folgt beschreiben lässt: Er scannt ein abstraktes Gemälde und beginnt, es zu teilen, zu spiegeln und macht dies zum Bestandteil eines repetitiven Prozesses, einer bildlichen Entwicklung, in der man Elemente wie Rorschach-Figuren oder abstrakte Monster oder psychedelische Visionen erkennen kann.

Sukzessive wird das Abgebildete feiner und feiner. Und dieses streng Prozesshafte war für den Maler Richter etwas völlig Neues, obwohl es natürlich eine Vorgehensweise ist, die in der Minimal Art der 1960er, 1970er und 1980er Jahre sehr verbreitet war. Das war wiederum für mich sehr interessant, da ich in den letzten 20, 30 Jahren viel freier gearbeitet, mich von strengen graduellen Prozessen verabschiedet hatte, beginnend mit Music for 18 Musicians bis in die Gegenwart. Für mich bedeutete dieses spezielle Projekt folglich, dass ich historisch zurückgehen musste, um systematischer zu arbeiten.

Wie wurde diese Idee dann in das Gemeinschaftswerk übertragen?

Die Art und Weise, wie die Streifen am Computer erzeugt und für den Film zusammengefügt werden, kehrt den im Buch gezeigten Prozess um. Das heißt, die Streifen stehen am Anfang und in der Bewegung entwickelt sich das Bild und dann wird es in einer Art Bogenform wieder zurück geführt.

Die Ausgangsbilder am Computer haben tatsächlich zwei Pixel, die nächsten vier, und so werden sie in dem Prozess zunächst immer größer. Zwei Werke, die ich unmittelbar zuvor geschrieben hatte – Runner und Music for Ensemble and Orchestra – enden mit einem Zwei-Ton-Motiv. Und ich dachte mir, wäre es nicht wunderbar, so zu beginnen, wie diese Werke schließen und dann diese Struktur – analog zu der Entwicklung der Pixel – zu erweitern.

Natürlich lässt sich das nicht allein durch die Erhöhung der Zahl der Töne ins Unendliche steigern, das wäre lächerlich; deshalb spielt die rhythmische Entwicklung eine entscheidende Rolle, was wiederum zur Folge hat, dass sich der schnell beginnende musikalische Verlauf kontinuierlich verlangsamt. Auch dieser Prozess wird analog zur Bogenform des Films umgekehrt. Die Verknüpfung von Musik und bildender Kunst vollzieht sich also auf der Basis einer gemeinsamen Struktur. Und das macht dieses Projekt für mich so interessant und
auch so besonders.

Wie sehen Sie diesen Ansatz im Verhältnis zu ihrer Arbeit mit Patterns in einer Frühphase des Minimal?

In Reich/Richter arbeite ich sehr viel mehr mit Repetition kurzer Patterns als in den meisten meiner Werke der letzten 20 Jahre. Es hat schon einige Anklänge an meine frühen Kompositionen; dennoch ist es in harmonischer Hinsicht viel komplexer. Man könnte es als eine Art Rückgriff aus einem neuen Kontext heraus verstehen. Hinzu kommt, dass die Verbindung mit dem Film mich dazu gebracht hat, sehr viele absolut neue Dinge auszuprobieren.

In Uraufführungskritiken des Werkes war verschiedentlich davon die Rede, dass Ihre Musik auf die Bilder «antwortet». Ist diese Arbeit für Sie in diesem Sinne Kommunikation?

Der Film war weitgehend abgeschlossen, bevor ich mit der Komposition begonnen habe. Insofern habe ich mich tatsächlich daran orientieren können. Die besagte Idee, das Zwei-Ton-Motiv und das Zwei-Pixel-Bild in Beziehung zu setzen, hat mich von Anfang an begeistert. Und schließlich haben wir einen Time-Code entwickelt – insbesondere mit Blick auf signifikante Bildwechsel, auf die es mir als Komponist wichtig war zu reagieren. Diese Orientierung, die Ausrichtung der musikalischen Dramaturgie auf das Vorgefertigte war für mich eine neue – und manchmal auch etwas nervige – Erfahrung, zumal ich zuvor noch nie Filmmusik geschrieben hatte. Ich glaube auch nicht, dass ich das in Zukunft häufiger machen werde. Aber darüber, dieses ganz besondere Projekt realisiert zu haben, bin ich sehr glücklich.

Sie erwähnten eingangs, dass Sie mit Ihrem künstlerischen Partner während der Kreation lediglich per Email Kontakt hatten. Wie kann man sich diesen Austausch vorstellen?

Die grundlegende verbindende Arbeit hat, denke ich, Corinna Belz geleistet. Sie hatte bereits zuvor mit Gerhard Richter gearbeitet. Und sie war es, die mich direkt – Abschnitt für Abschnitt – mit den Filmteilen versorgte, und auch mit dem Timecode. Letztlich war der Austausch recht überschaubar.

Das Motto des diesjährigen Festivals rainy days ist «less ist more». Hat das Sprichwort vom Wenigen, das mehr sei, für Sie als Komponist von Minimal Music eine ästhetische Bedeutung?

Ich denke schon! Das Allerwichtigste ist natürlich der besondere Kontext, in dem man den Satz gebraucht. Ich bin kein besonderer Freund von Manifesten, weil ich glaube, dass Menschen, die Manifeste brauchen, ein Problem haben. Sie verstehen es nicht zu leben. Sie wollen gesagt bekommen, was sie tun sollen. Deshalb gibt es in totalitären Staaten auch so viele Manifeste. Also dergleichen ist gar nichts für mich. So würde ich für mich «less is more» gern als Beschreibung verstehen, als Beschreibung dessen, was ich in Piano Phase, Violin Phase selbst in Drumming mache. Aber manchmal möchte man dann eben doch mehr hinzufügen – zum Beispiel harmonische Veränderung. Und für Reich/Richter, würde ich sagen, lautet das Motto: «wenig ist gut, mehr auch!» Entwicklung braucht immer sowohl Wachstum als auch Rücknahme.

Wie beobachten Sie als ein Künstler, der sich über Jahrzehnte aus dieser eher technischen Perspektive
Gedanken über Reduktion gemacht hat, die aktuelle gesellschaftliche Diskussion über Reduktion, Nachhaltigkeit usw., wie ihren künstlerischen Widerhall?

Abermals: Alles hat seinen Platz und seine Aufgabe. In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren, als Boulez, Stockhausen, Berio, den ich sehr schätze die Musikszene dominierten, hatte ich das Gefühl, dass ich die handwerkliche Meisterschaft dieser Komponisten zwar bewundern konnte und von ihnen gelernt habe, aber das war nicht meine Richtung, nicht das, was ich mein Leben lang machen wollte. Ich brauche eine andere emotionale Energie zum Arbeiten. Wobei ich ohnehin das Gefühl habe, dass die Musikszene heute sehr vielfältig ist und sehr viele junge Komponisten eher einen Hang zu Komplexität haben.

Das Interview wurde am 01.07.2019 in englischer Sprache geführt.

STEVE REICH

«Musical intuition is at the rock bottom level of everything I’ve done»

How does the phrase «less is more» apply to music? Does reductionism play a role in your own composition?
What is the most extreme musical example of «less is more»?
Do you see a tendency towards reductionism in today’s culture beyond music?

I compose using my ears, mind and musical intuition. Naturally I’m influenced by music that I’ve heard and studied including Stravinsky, Bartók, Bach, Berio, Pérotin, Coltrane, Balinese Gamelan, Ghanaian drumming, Hebrew chant and much else. Theoretical ‹Isms›, manifestos and ideologies always seemed irrelevant and more the province of academics and journalists. As I wrote in 1974: «The truth is, musical intuition is at the rock bottom level of everything I’ve ever done». Here it is 2019 and that’s still the case. I leave it to the musicians and audience in Luxembourg to judge what I have done.

Konzerte

  • 24.11.2019 20:00 Uhr, Musiques d’aujourd’hui

    Steve Reich/Gerhard Richter/Corinna Belz

    None Zu diesem Konzert gibt es eine résonances-Veranstaltung Liegt in der Vergangenheit

    Ensemble intercontemporain
    Jeanne-Marie Conquer, Hae-Sun Kang, Diego Tosi, Misako Akama violon
    Odile Auboin, John Stulz alto
    Eric-Maria Couturier, Pierre Strauch violoncelle
    Sophie Cherrier, Emmanuelle Ophèle flûte

    Der Komponist Steve Reich und der Maler Gerhard Richter gehören zu den bedeutendsten Künstlern unserer Zeit. Nun haben sie zum ersten Mal zusammengearbeitet – gemeinsam mit der Filmemacherin Corinna Belz – und lassen die repetitiven Strukturen von Reichs Musik in Dialog mit einem Gemälde Richters treten, aus dem Belz einen Film geformt hat. Das Pariser Ensemble intercontemporain spannt in seinem Konzert beim Festival rainy days einen weiten Bogen von Reichs Minimal-Music-Klassiker Piano Phase von 1967 bis zum neuen Werk Reich/Richter, das im April in New York uraufgeführt wurde und in Luxemburg seine kontinentaleuropäische Premiere erlebt.

    Kulturpass, bienvenue!

    Curated by Hans Ulrich Obrist and Alex Poots
    The Steve Reich composition is commissioned by
    The Shed, NYC
    The Los Angeles Philharmonic Association, Gustavo Dudamel, Music & Artistic Director
    Cal Performances, University of California, Berkeley
    Barbican Centre and Britten Sinfonia
    Philharmonie de Paris
    Oslo Philharmonic

    Dans le cadre de «less is more − rainy days 2019»