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06. August 2021

Mittelwege und Brückenschläge

von Christophe Gaiser

Gespräch mit Martin Schwarz, Geschäftsführer der Karl Schuke Berliner Orgelwerkstatt

Herr Schwarz, wenn man eine Orgel in einen Konzertsaal baut, trifft man nicht nur klangliche, sondern auch optische Entscheidungen. Orgeln sind über ihre Prospekt- und Gehäusegestaltung so individualisiert wie kein anderes Musikinstrument. Wie viel Gestaltungsspielraum hat eine Orgelbaufirma bei einem Neubauprojekt in einem neuen Saal im Hinblick auf das Visuelle?

Nun, die äußere Gestaltung entsteht bei solchen Projekten eigentlich grundsätzlich mit dem Architekten, weil er das Gesamtkonzept im Raum verfolgt. In Luxemburg haben wir für den Prospekt mehrere Entwurfsideen geliefert, die dann vom Architekten überarbeitet wurden. Die Orgelkammer an sich ist völlig unabhängig von der Prospektgestaltung. Die Orgelkammer hinter dem Prospekt ist in Luxemburg sehr großzügig dimensioniert, wodurch wir die einzelnen Werke optimal anordnen konnten.

Man fragt sich ja, ob dieses Instrument hängt oder steht und wie schwer es eigentlich ist…

Die Orgel steht auf dem Betonboden auf. Es gibt ein richtiges Gerüstwerk aus Holz und Stahl und darauf sind die einzelnen Werke aufgebaut. Das Gewicht von gut 25 Tonnen wird hauptsächlich über den Fußboden abgetragen, aber es gibt auch noch einzelne Wandverankerungen.

Holz und Metall sind auch die wichtigsten Werkstoffe für den klingenden Teil der Orgel, also die Pfeifen. Was nun die Orgel in der Philharmonie angeht: wo sind die Pfeifen, die in diesem Instrument erklingen, eigentlich angefertigt worden?

Zur Zeit der Erbauung der Luxemburger Orgel hatten wir noch eine eigene Pfeifenwerkstatt, ein Großteil ist also selbst produziert. Wir mussten aber noch Pfeifen zukaufen, vor allem die ganz großen, die wir wegen der räumlichen Gegebenheiten nicht selbst bauen konnten. Die Pfeifenwerkstatt unseres Vertrauens bekommt genaue Maßtabellen, wo alle wichtigen Punkte enthalten sind, also die Legierung, die Wandstärke, der Durchmesser, Labienbreiten – alles was relevant ist für den Klang. Und nach diesen Angaben können die Zulieferer dann diese Pfeifen bauen.

Photo Jörg Hejkal Photo Jörg Hejkal

Wie muss man sich denn die zeitlichen Abläufe bei einem solchen Orgelbauprojekt vorstellen?

Die Planung einer Orgel, also die Konstruktion in dieser Größenordnung erstreckt sich gut und gerne über ein halbes Jahr. Dann fängt der Produktionsablauf an, das ist immer davon abhängig, wie viele Mitarbeiter zur Verfügung stehen, aber ungefähr ein Jahr dauert das Ganze schon. Beim Aufbau waren wir damals fünf Mitarbeiter vor Ort, die technische Aufstellung hat etwa acht Wochen gedauert, die Intonation nahm dann nochmal gut drei bis vier Monate in Anspruch.

Kommen wir auf das Klangkonzept der Orgel in der Philharmonie Luxembourg zu sprechen. Der Orgelbau hat ja in den einzelnen Ländern Europas sehr unterschiedliche Schulen oder Richtungen im Hinblick auf die Registerfamilien, ihre Kombination untereinander und die jeweilige spezifische Klanggebung ausgebildet. Konzertsaalorgeln sind oft so angelegt, dass sie zwischen diesen verschiedenen Richtungen vermitteln sollen. Ist das bei der Orgel in der Philharmonie Luxembourg auch so?

Man muss sich zunächst mal die Aufgabenstellung einer Konzertsaalorgel anschauen. Auf einer Orgel, die in der Tradition der Hochromantik disponiert ist, wird man ein Werk von Bach nur sehr schwer auf authentische Weise wiedergeben können. Und da die Konzertsaalorgel ja nicht nur zur Verwendung zusammen mit Orchester gedacht ist, sondern auch als Soloinstrument, hat man sich beim Neubauprojekt für Luxemburg für einen Typus entschieden, den ich nicht «Universalorgel» nennen würde, dafür ist die Intonation dann doch zu spezifisch. Aber doch ein Mittelweg zwischen «normaler» Intonation und «symphonischer» Intonation. An der Disposition, also dem Verzeichnis der eingebauten Register, kann man ablesen, dass es eine Anlehnung an die deutsche romantische Epoche, aber auch an die französische Epoche gibt. Ein bisschen etwas Englisches ist auch dabei. Man hat also versucht, diese verschiedenen Klangstile zu verbinden, ohne sich auf einen Stil zu sehr zu fixieren. Im Grunde soll die Orgel also alles können. Aber es ist in der Intonation so umgesetzt worden, dass die Orgel für sich ein geschlossenes Klangkonzept hat.


An der Disposition fällt auf, dass das Positiv von der deutschen Romantik beeinflusst ist, das Récit hingegen von der französischen Romantik. Das Hauptwerk scheint das Bindeglied zwischen den beiden darzustellen, was in Luxemburg, das zwischen dem deutschen und dem französischen Kulturkreis steht, noch eine besondere Note hat…

Das würde ich auch so sehen. Im Hauptwerk zeigt sich dieses Verbindende exemplarisch durch das Nebeneinander eines deutschen Prinzipals und einer französischen Montre. Wenn wir mal das letztgenannte Register nehmen: dessen klangliche Anlage soll spezifisch französisch sein, aber das muss sich mit den anderen Registern trotzdem gut mischen können. Im Instrument in der Philharmonie Luxembourg ist der Durchmesser der Montre 8’ 162 mm, also ziemlich weit. Der deutsche Prinzipal ist enger. Tendenziell kann man sagen, dass der deutsche Prinzipal mehr zeichnet, die französische Montre ist grundtöniger. Aber selbst bei einem einzelnen Register gibt es Unterschiede, je nach Lage. Aristide Cavaillé-Coll hat die Montre in der tiefen Lage gerne enger gebaut, aber das funktioniert nur in Kirchenräumen gut, weil dort der Raum den Klang besser trägt. Im Konzertsaal muss man da seitens der Mensurierung, (also bei den Abmessungen der Pfeifen) und Intonation (also der klanglichen Anmutung der Pfeife) andere Wege gehen. Die Konzertsaalakustik ist deutlich trockener, hat also wenig Nachhall. Dies muss bei der Mensurierung der Pfeifen berücksichtigt werden, so müssen insbesondere die tiefen Lagen weiter mensuriert werden, um den Klang optimal in den Raum tragen zu können. Beim symphonischen Konzept geht es nicht nur um besondere Einzelstimmen, sondern um größtmögliche Mischfähigkeit der Klangfarben miteinander. Die Melange von einzelnen oder mehreren Registern soll neue Klangfarben ergeben.

Im Positiv fällt auf, dass zwei Register den Namen Aeoline tragen, eines ist ein Labialregister, das andere ein Zungenregister. Wie kann man dieses Registerpaar außer über die Weise der Tonerzeugung noch beschreiben?

Die labiale Aeoline 8’ ist ein zartes, obertonreiches, leises Register, ein «Streicher». Das Zungenregister Aeoline 16’ hingegen ist mit durchschlagenden Zungen versehen. Hier haben wir uns ein wenig an Friedrich Ladegast angelehnt, wir haben aber die Becherkonstruktion geändert. Ladegast hat einen relativ engen, konischen Trompetenbecher gebaut, den wollten wir aber nicht, weil er uns für die Klangausrichtung in Luxemburg zu hell erschien. Die durchschlagenden Zungen sollen ja in der Regel als Mischregister wirken, ganz selten sind das wirkliche Soloregister. Im Zusammenspiel mit Grundstimmen ergeben sich sehr interessante neue Klangfarben. Um nun unseren gewünschten Klangcharakter zu erreichen, haben wir unterschiedlichste Becherformen ausprobiert. Am Ende wurde es ein Doppelkegelbecher, in 4’-Länge, wodurch wir den warmen, grundtönigen und mischfähigen Klang erzielt haben, den wir uns für dieses Register gewünscht haben.

Da haben Sie also anlässlich des Luxemburger Orgelbauprojekts etwas Neues versucht?

1994 hatten wir in Japan schon einmal eine durchschlagende Klarinette in ein Instrument eingebaut. Da wir noch keine Erfahrungen mit solchen durchschlagenden Registern hatten, wurde dieses Register bei einer erfahrenen Zungenwerkstatt bestellt. In Luxemburg haben wir dann die Früchte dieser Erfahrung ernten können und haben – um wieder auf die Zungen- Aeoline zu sprechen zu kommen – das Register zwar bauen lassen, aber selbst intoniert. Leider gab es noch kein Folgeprojekt, bei dem wir dieses Register wieder verwenden konnten, insofern ist das Register in Luxemburg für uns ein Unikat. Ich durfte das Register damals selbst intonieren, wir waren ganz begeistert, denn es war ein langer Weg, eine Becherform zu finden, die uns dann klanglich gefallen hat.

Das Solowerk erscheint mir – wiederum sehr passend zu Luxemburg – ein ausgesprochen «europäisch» angelegtes Werk zu sein. Es gibt horizontale Trompeten aus der spanischen Tradition, eine englische Tuba, eine deutsche Klarinette und aus Frankreich ein Basson und eine Cromorne…

Im ursprünglichen Konzept war das Solowerk viel kleiner konzipiert, es waren nur die Register Konzertflöte 8’, Clarinette 8’, Tuba 8’ und die beiden «spanischen» Trompeten vorgesehen. Auf Anregung von Daniel Roth wurden dann noch weitere Register hinzugefügt. Durch die sehr geschickte Auswahl dieser Register und die Möglichkeit, diese schwellen zu können, ergeben sich wunderbare klangliche Möglichkeiten. So können diese Register solistisch verwendet werden oder den jeweiligen Werken zugeordnet werden.

Stichwort Winddruck: es gibt auch eine so genannte «Windabschwächung». Was verbirgt sich dahinter? Und da wir gerade über Intensität reden: es gibt auch im Hinblick auf die Schwellvorrichtungen bei der Orgel in der Philharmonie Luxembourg einige Besonderheiten, richtig?

Bei der Windabschwächung kann man über einen Frequenzumrichter die Drehzahl der Orgelgebläse reduzieren. Das ist insbesondere für moderne Musik gut einsetzbar, im Grunde kann man durch die Reduzierung des Winddrucks bis fast null die Pfeifen langsam «absterben» lassen. Im Pedal haben wir einzelne Register im Schweller stehen, das macht natürlich Spaß, wenn man ganz leise Registrierungen hat und im Pedal nochmal ein bisschen weiter runterfahren kann. Das ist aber nicht mit einem Schwelltritt verbunden, sondern mit einem Schalter «auf und zu». Die beiden Schwellwerke Positiv und Récit haben sogenannte Doppelschweller erhalten. Diese trennen Zungenregister und vereinzelte Labial- register von den anderen Registern. Durch diesen Doppelschweller kann die Lautstärkendynamik dieser Register noch intensiver genutzt werden.

Photo Jörg Hejkal Photo Jörg Hejkal

Ist die Zahl und Ausrichtung der Register eigentlich seit der Einweihung unverändert geblieben oder hat man gemerkt, dass etwas ergänzt werden müsste?

Konzertsäle sind eher trocken in der Akustik, sie verstärken den Diskantbereich der Register, den Bassbereich schwächen sie. Deshalb müssen wir da bei der Mensurierung den Bassbereich weiter mensurieren, als wir das bei einer Kirche machen müssten. In der Tat ist im Jahre 2009 ein Flötbass 16’ in englischer Bauart nachträglich in die Orgel gekommen, im Laufe der Jahre stellte man in der Praxis fest, dass insbesondere die 16’ Lage im Pedal verstärkt werden sollte.

Die Betreuung eines Instruments hört für den Orgelbauer ja nach dem Eröffnungskonzert nicht auf. Was ist zu tun, wenn das Instrument einmal in Betrieb gesetzt ist, wieviel Pflege braucht es?

Konzertsäle sind insofern besonders, als durch das hohe Besucheraufkommen und die Klimaanlagen die Orgel schneller verschmutzt als sie in einer Kirche verschmutzen würde. In Luxemburg mussten wir 2016 schon eine Teilreinigung vornehmen, der mittlere Bereich war bereits deutlich verstaubt. Die höher positionierten Schwellwerke waren weniger betroffen.
Ganz grundsätzlich ist die Orgel in Luxemburg sehr stabil und solide, bis auf normale Kleinreparaturen gab es in der Vergangenheit keine größeren Probleme. Wir sind jedes Jahr einmal vor Ort zur Orgelpflege, also zur technischen Durchsicht und Generalstimmung. Hierfür benötigen wir in der Regel vier Tage. Und vor Konzerten werden wir angerufen, dann schicken wir einen Mitarbeiter vorbei, der die Zungenregister stimmt und die Orgel überprüft.

Wenn Sie auf das Instrument rund 15 Jahre nach seiner Fertigstellung blicken: wie bewerten Sie es heute, gerade auch vor den aktuellen Entwicklungen? Zwischenzeitlich werden ja auch in Sälen wieder vermehrt «stilreine» Instrumente gebaut, etwa in der Mercatorhalle in Duisburg, wo man sich für eine durch und durch englische Orgel entschieden hat.

Ich bin der Ansicht, dass jedes Instrument einen gewissen Zeitgeschmack widerspiegelt. Heutzutage wählt man bei Konzertsaalorgeln in der Tat wieder häufiger eine ganz bestimmte Stilrichtung. Die Luxemburger Orgel ist aber klanglich so multifunktionell, dass sie aus meiner Sicht auch heute noch absolut Bestand hat.

Das Interview wurde am 14.10.2020 per Telefon geführt.