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26. April 2019

Nicht nur eine Beethoven-Lesart

von Tatjana Mehner

Ludwig van Beethoven im «Gespräch» mit Tatjana Mehner

Die Musikwelt feiert in dieser Saison Ihren 250. Geburtstag. Wie fühlen Sie sich angesichts der allseits bezeugten Ehrungen?

Mit Verlaub, ich erlebe dergleichen ja nicht zum ersten Mal: die wissenschaftlichen Konferenzen, Konzertreihen, Fidelio-Inszenierungen, Bücher und Devotionalien… Das wiederholt sich ja, das war 1870, 1920, 1970 nur geringfügig anders als heute. Und verglichen mit diversen Kollegen bin ich ja in der glücklichen Lage, dass meine Musik auch sonst gespielt wird. Es kommen lediglich ein paar ausgefallenere Werke hinzu. In Luxemburg ist das mein Oratorium Christus am Ölberg, meine Auseinandersetzung mit den Ereignissen im Garten Gethsemane, mit Fragen von Treue und Verrat. Aber darum geht es nicht; was die ganze Feierei für einen Komponisten wie mich interessant macht, ist die Tatsache, dass die besagte Musikwelt ihr Bild von mir dabei wieder einmal zurechtrücken wird.

Da darf man gespannt sein, welche Aspekte aus meinem Leben und natürlich aus meinem Werk Ihren Zeitgeist am besten treffen.

Sie erwähnten Fidelio. Ihre einzige Oper erklingt konzertant auch in Luxemburg. Ist konzertante Oper denn überhaupt in Ihrem Sinne?

Diese Diskussion habe ich wirklich satt. Konzertant… Szenisch… Es gibt so viele Inszenierungen, die sich darauf gestürzt haben, dass mein Werk angeblich eher ein Konzertstück ist, ihm die Dramatik fehle, und so viele in ihrer Dramatik denkwürdige Konzerte. Da regt mich der politische Ge- und Missbrauch meines Fidelio weit mehr auf. Was glauben Sie denn, zu welchen Anlässen man das Werk schon gespielt hat??!! Diktatoren haben sich mein C-Dur-Finale genauso zu eigen gemacht wie gegen dieselben Sturm laufende Künstlerrebellen. Dabei hätte ihnen die Tonart allein schon zu denken geben können…

Generell sieht man Sie ja als eine Art politisch engagierten Komponisten

Ja, ja… Die besagte Sache mit dem Beethoven-Bild. Und der Grund dafür ist die leidige Geschichte mit der Napoleon-Widmung meiner «Eroica».

Natürlich habe ich mich von dem selbstgekrönten Kaiser distanziert, den ich vorher als Freigeist geschätzt habe. Aber damit war ich damals, weiß der Himmel, nicht der Einzige. Es ist erstaunlich, dass mich noch keiner als umweltbewussten Künstler stilisiert hat, meiner «Pastorale» wegen.

Was konkret erwarten Sie sich vom Jubiläum 2020?

Ehrlich gesprochen: Vielfalt! Noch kein Beethoven-Jubiläum zuvor fand in einer medial und damit auch künstlerisch derart vernetzten Welt statt. Noch nie haben so viele herausragende Interpreten gleichzeitig und damit vergleichbar Maßstäbe setzen können: das gilt in der Kammermusik genauso wie bei der Auslegung meiner Symphonien. Es gibt nicht mehr nur eine Lesart meiner Musik, sondern viele, die je für sich, aber alle nebeneinander stehen.

So kann sich das Publikum auch ein sehr viel facettenreicheres Bild von mir und meiner Musik machen!

Dezent gefragt: wie steht es mit Ihrem Verhältnis zu Luxemburg?

Anders als mein Kollege Franz Liszt war ich ja leider nicht selbst dort, obwohl Luxemburg gar nicht so weit von meiner Geburtsstadt Bonn entfernt ist. Eigentlich schade, dass ich die Legende von der schönen Melusina nicht gekannt habe; sonst hätte ich vielleicht noch eine zweite Oper geschrieben.

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