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30. Juli 2018

Schnittstelle von Alter und Neuer Welt

von Tatjana Mehner

Die Geburt des Hollywoodsounds aus dem Geist der Romantik und des Jazz

Der Stoff, aus dem die Träume sind.

In Hollywood schneidert man daraus Ware fürs «Prêt-à-porter»-Segment. Massentaugliches also. So zumindest lässt sich ein nicht unbedingt wohlwollendes Klischee auf den Punkt bringen, das das Bild von der sogenannten «Traumfabrik» Hollywood nahezu von ihren Anfängen an begleitet. Dabei war der ursprüngliche Gedanke der Traumfabrik ja, dass hier Träume gleichermaßen gemacht und erfüllt werden – und das in vielerlei Hinsicht. Kein Wunder: diese Traumfabrik befindet sich in einem Land, dem nicht nur Träumer und Abenteurer den eindrucksvollen Beinamen «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» gegeben haben, der es – immer wieder – insbesondere in Zeiten weltpolitischer Unsicherheit zu einem Sehnsuchtsort gemacht hat. Die Traumfabrik wird zu einer Art Symbol und Modell dieses Sehnsuchtsortes. Hier werden massentauglich Träume auf Celluloid (heute natürlich im übertragenen Sinne) gebannt. Das können dann ebenso Wunschträume sein wie Albträume. Und andererseits lassen sich hier tausendfach jene traumhaften vom «Tellerwäscher zum Millionär»- oder vom «Erdnussfarmer zum Präsidenten»-Karrieren verfolgen, die nicht nur Goldsucher wieder und wieder in den «Goldenen Westen» lockten, und in denen der Mythos eines Landes kondensiert.

Obendrein wird nur zu gern vergessen, dass ohne die massenhafte – eben nicht nur massentaugliche – Produktion innerhalb dieser Traumfabrik wohl die Entwicklung des Kunstgenres wie des Mediums Film völlig anders verlaufen wäre. Auch viele gegenläufige – massenferne – Tendenzen wie der Erfolg des ganzen Genres wurden nur mit und neben dem Imperium Hollywood möglich. Und an dieser Stelle bildet die Musik innerhalb des Mediums und Gesamtkunstwerks keine Ausnahme.

Fraglos hat die Geschichte des Mediums als solches ihre Wurzeln in der sogenannten Alten Welt. Dennoch ist der Sprung in die Neue Welt und die Integration in deren sich auf spezifische Weise entwickelnde Kultur entscheidend als Teil einer prägenden Wechselwirkung, die in einem legendären Schriftzug in den Hollywood Hills ihr Sinnbild findet.

Der Klang dieser Traumfabrik ist weder als ästhetisches Gebilde noch in seiner historischen Entwicklung losgelöst von diesem gesamten sozialen Gefüge zu sehen. Er hat seinen Ursprung an der Schnittstelle von Alter und Neuer Welt, und eigentlich ist er nur ein Konstrukt – die Summe zahlloser Ansätze, die sich aus der Differenz des Traums von der unbegrenzten Möglichkeit und des Zwangs der Realität ergeben.

Die Legende vom Hollywoodsound, die bis heute – in positiver wie in negativer Konnotation – selbst Eingang in ästhetische Urteilskategorien findet, mag ihre Wurzeln bereits in der Stummfilmbegleitung an der amerikanischen Westküste haben, doch eigentlich resultiert sie aus einem komplexen sozio-kulturellen Gefüge, das politische und wirtschaftliche, technische und ästhetische Ursachen hat, und das sich so wohl nur an diesem Ort in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entwickeln konnte.

Altmeister und Newcomer: Im kalifornischen Hafen
In der Tat war es wohl vor allem im Übergang der 1930er zu den 1940er Jahren, dass in Hollywood die Weichen für die Entwicklung einer Musikform gestellt wurden, die in dem Bild vom Hollywoodsound besonders sinnfällig wird. An der Schnittstelle von Alter und Neuer Welt geschieht dies aus sehr erschiedenen Gründen. Der Fluch der Notwendigkeit war es, der plötzlich zahllose Musiker auf der Suche nach – jeder Form von – Arbeit an die amerikanische Westküste schwemmte. Auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus, vor dem in Europa kaum noch jemand sicher war, retteten sich Künstler aller Genres und Ligen in die Vereinigten Staaten und hofften auf jenes Glück des Tüchtigen, das jene ihrer Kollegen propagierten, die schon früher aus unterschiedlichen Motiven heraus den Sprung in die Neue Welt – mehr oder weniger endgültig – geschafft hatten, wie die Wiener Max Steiner, der die idealen persönlichen und handwerklichen Voraussetzungen mitbrachte, um sich den Status einer Hollywoodlegende zu erarbeiten, oder auch Erich Wolfgang Korngold.

Sie alle kamen mit den Erfahrungen des traditionellen europäischen Musikbetriebs und dessen Ausbildung in ein Land, das genau danach suchte, aber gleichzeitig voller Stolz die Freiheit der unbegrenzten Möglichkeiten propagierte, und in dem Musik gerade im Begriff war, sich über den Umweg des revuehaften Musikfilms ihren Platz auf der Leinwand zu erobern. Es ist nicht verwunderlich, dass in einem solchen Kontext neben den Komponisten, die auch in Europa bereits einen Draht zur leichten Muse gehabt hatten – wie eben Steiner –, insbesondere jene besser Fuß fassten, die eher in einer spätromantischen Tradition beheimatet waren, die opulente Dramatik der romantischen und postromantischen Oper routiniert ins neue Medium übertragen konnten – wie namentlich Korngold.
Dennoch ist es nicht die simple Transformation alter Träume in einer neuen Fabrik, aus der sich der Westküstensound entwickelt. In den Studios tummeln sich in jenen Jahren ebenfalls nicht wenige US-Amerikaner – Aaron Copland ist einer der bekannteren –, die eine «amerikanischere» Tradition einbringen, die Leichtigkeit des Jazz und des Broadway, etwas, an dem ihre europäischen Kollegen sich nicht selten die Zähne ausbeißen.

So erwiesen sich alle auf irgendeine Weise als Altmeister und Newcomer zugleich. Auch dieser Tatsache mag es geschuldet sein, dass Hollywood die herausgehobene Stellung des einen und einzigen Komponisten schnell aufhob und den Komponistenberuf auf eine mehr handwerkliche Basis zurückstutzte. Nicht nur Arrangeure und Orchestratoren, auch «Ko-Komponisten» traten bereits in diesen Jahren auf den Plan.

Freiheit und Zwang – neue Märkte, neue Schranken?
In regelmäßigen Abständen heben Kritiker, aber auch Macher von Filmmusik darauf ab, dass es sich bei Hollywoodkomponisten um musikalische Chamäleons handele – mit Blick auf stilistische Anpassungsfähigkeit vor allem. Der Filmkomponist, ein Wesen, dessen Persönlichkeit hinter dem Hollywoodsound verschwindet? Was die Fähigkeit betrifft, sich auf Handlungszeit und -ort, ja sogar Stil des Regisseurs einzustellen, mag dies gewiss ebenso zutreffen wie darauf, dass der Filmkomponist eine Beziehung zur musikalischen Form entwickeln muss, die sich zumindest von der absoluten Musik in hohem Maße unterscheidet. Die Abhängigkeit von den zeitlichen Verlaufsstrukturen des Gesamtkunstwerks Film fordert zwangsläufig ihren Tribut. Trotzdem setzt gerade dies entscheidendes musikalisches Formbewusstsein voraus.

Dennoch haben immer wieder unzählige Filmkomponisten betont, wie wichtig es sei, auch hier einen eigenen erkennbaren Stil zu entwickeln, der letztlich über den dauerhaften Erfolg in Hollywood entscheidet. Die Wiedererkennbarkeit eines John Williams – so in Indiana Jones oder Star Wars – ist das Ergebnis genau dessen; auch Max Steiners legendärer Gone with the Wind-Soundtrack sonst kaum möglich. Abermals geht es um die Vermittlung zwischen Welten.

Mehr als alles Andere haben die Zwänge, Notwendigkeiten, aber auch Möglichkeiten der Filmkomposition – namentlich für das Hollywoodkino – zur Herausbildung eines neuen Berufsstandes geführt; denn mehrheitlich haben Bild und Selbstbild der wahrhaft Großen des Hollywoodsounds, angefangen bei Max Steiner bis hin zu Hans Zimmer, der die lange Liste der an der Schnittstelle zwischen Alter und Neuer Welt Schöpfenden zu einem neuerlichen Höhepunkt führt, nicht viel mit dem romantisch verbrämten Bild des einsam schöpfenden Musikgenies zu tun, das bis heute das zentraleuropäische Verständnis von der Person des Komponisten und vom Akt des Komponierens prägt.

Ausschnitt aus Filmplakat: Gone with the wind (1939) Ausschnitt aus Filmplakat: Gone with the wind (1939)

Jener Schaffensakt selbst – nicht weniger kreativ, aber dennoch eingebettet in die besagten Zwänge – erscheint quasi zurückgeführt auf ein manufakturartiges Arbeitsprinzip, wie es die Musikgeschichte bis hinein in die Frühklassik gekannt haben mag. Natürlich gründet sich diese Arbeitsweise – mehr noch als in anderen musikschöpferischen Bereichen – auf die technischen Standards der jeweiligen Zeit, in unmittelbar musikalischer wie in – im engeren Sinne – filmtechnischer Hinsicht. Entsprechend drückt sich Meisterschaft auf diesem Gebiet in ganz anderen Parametern aus. Darin wird deutlich, warum und in welcher Richtung traditionell westliche musikästhetische Kategorien am «Hollywoodsound» scheitern müssen, der in einer langen Kinogeschichte doch eine markante Entwicklung durchlaufen hat, die nicht losgelöst gesehen werden kann von vielfältigen Trends auch innerhalb der Popularmusik. In Biografien wie Max Steiners oder auch Hans Zimmers wird klar, dass diese Schnittstelle zwischen Alter und Neuer Welt immer auch eine zwischen den Zugängen zu musikalischer Unterhaltung und seriöser Tradition ist, an der man offenbar in der «Traumfabrik» anders zu operieren weiß.
 
Tatjana Mehner ist seit 2015 Programme Editor an der Philharmonie Luxembourg. Sie studierte Musikwissenschaft und Journalistik, promovierte 2003 an der Universität Leipzig und arbeitete als Publizistin und Forscherin in Deutschland und Frankreich.

Literaturempfehlungen:
Mervyn Cooke: A history of film music – Cambridge: Cambridge University Press 2009
Mervyn Cooke (ed.): The Hollywood film music reader – Oxford: Oxford University Press 2010
Peter Wegele: Der Filmkomponist Max Steiner (1888–1971) – Wien: Böhlau 2012
James Wierzbicki: Film music. A history – New York: Routledge 2009

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