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26. April 2019

«Von Anfang an habe ich mich hier zuhause gefühlt»

von Matthew Studdert-Kennedy

Gustavo Gimeno
Im Gespräch mit Matthew Studdert-Kennedy

Mit Ende der Saison 2018/19, werden Sie mehr als 100 Konzerte mit dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg gegeben haben, und zwar in zehn verschiedenen Ländern und mit einem denkbar breitgefächerten Repertoire von Carl Philipp Emanuel Bach bis Gustav Mahler. Zudem sind sieben Tonträger erschienen. Sind sie, wie man so schön sagt, in Luxemburg «angekommen»?

Das bin ich, in der Tat! Ich bin überrascht, wenn ich diese Zahlen höre, denn auf eine bestimmte Weise fühlt sich für mich noch immer alles sehr «frisch» an, aber in einem sehr positive Wortsinne! Wir entdecken unermüdlich gemeinsam das Repertoire, wir wachsen daran, wir setzen uns Ziele für die Zukunft. Auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen mögen: Wir gehen noch immer die ersten Schritte unserer Zusammenarbeit, aber wir blicken auch schon auf eine gemeinsame Zeit zurück, zu der es viel zu sagen gibt. Ich entdecke auch oft beglückt, wie gut ich das Orchester mittlerweile kenne.

Es kommt mir so vor, als würden mein Schlag besser verstanden, und es ist offenkundig, dass wir miteinander vertraut sind. Die Musikerinnen und Musiker verstehen beim bloßen Hinsehen, was ich ausdrücken möchte. Ich muss aber unterstreichen, dass ich mich von Anfang an hier zuhause gefühlt habe

Vor vielen Jahren las ich einmal ein Interview mit einem bekannten Dirigenten, der behauptete, sein Orchester so gut zu kennen, dass er auch nach längerer Abwesenheit im Moment der Rückkehr genau erfassen könne, was seit ihrer letzten Zusammenarbeit geschehen sei. Geht es wirklich immer derart subtil zu?

Nicht in vollem Maße. Wir haben unseren gemeinsamen Klang entwickelt, und diesen finden wir nach ein paar Minuten gemeinsamen Probens wieder. Das Orchester ist mein Instrument. Ich könnte nicht sagen, dass der Klang sich nach ein paar Wochen gegenseitiger Trennung verändert hätte, aber ich weiß, dass wir über eine eigene Identität verfügen.

photo: Marco Borggreve photo: Marco Borggreve

Was gibt es zum Konzertprogramm der neuen Saison zu berichten?

Wir wachsen und entwickeln uns in vielerlei Hinsicht. Eine davon ist das spätromantische Repertoire, Mahler und Bruckner. Sehr wichtig wird die Arbeit an Mahlers Dritter Symphonie sein. In der Saison 2018/2019 haben wir gar keinen Bruckner gespielt, und es wird sehr gewinnbringend sein, an seiner Musik wieder zu arbeiten. Wir lernen da immer viel über Klang an sich und über Bruckners Musik als solche, das ist ein Wunder und ein Mysterium. Wir werden nach Simon Boccanegra und Rigoletto mit Macbeth unsere dritte Verdi-Oper herausbringen und in einem Programm Schubert und Rossini einander gegenüberstellen. Rossini hat nicht nur großartige Musik geschrieben, sie ist auch sehr gut für die Spielkultur im Orchester. Die Musikerinnen und Musiker genießen es sehr, Sängerinnen und Sänger begleiten zu können, und diese raffinierte und «durchhörbare« Musik zu spielen.

Verdi: Rigoletto | Oktober 2018 | Fotos: Sébastien Grébille

Was mich sofort an Schubert denken lässt, der ebenfalls ein wundervoller Komponist ist. Und wir gehen weiterhin auf Gastspielreisen: Südamerika ist das Ziel unserer erstengemeinsamenTournee nach Übersee. Ein weiterer Beleg für die unterschiedlichen Gebiete, die wir in unserer gemeinsamen Arbeit abdecken.

Im Februar 2020 werden Sie ein Violinkonzert von Francisco Coll aus der Taufe heben. Wie kam es zu diesem Kompositionsauftrag?

Ich riet der Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal, sich Werke von Francisco Coll anzuhören, und sie fand sie derartig gut, dass sie die Idee aufwarf, einen Auftrag an ihn zu vergeben. Wir waren zusammen auf Gastspielreise in Valencia und am Konzertabend war der Komponist zugegen. Die beiden lernten einander kennen und Patricia Kopatchinskaja war so sehr beeindruckt von Colls Persönlichkeit und seiner Musik, dass wir kurz darauf offiziell ein Violinkonzert in Auftrag gaben.

Simon Rattle, der bereits ein Auge auf den Komponisten geworfen hatte, stieg mit dem London Symphony Orchestra in das Projekt mit ein und weitere Orchester folgten. Wir haben nun den Plan gefasst, eine CD nur mit Werken von Francisco Coll aufzunehmen. Das wäre die erste ihrer Art.

Im Laufe der Saison werden wir zwei Residenzkünstler hier willkommen heißen können, Isabelle Faust und Daniel Harding. Was können Sie uns zu den beiden sagen?

Ich bewundere beide sehr. Sie haben einen großartig ausgeprägten musikalischen Instinkt und sind beide extrem intelligente Musikerpersönlichkeiten. Sie gehen immer mit großer Bewusstsheit ans Werk, ohne dabei zu analytisch zu sein oder zu viel Abstand zu wahren. Ihr tiefes Verständis der Musik steht immer im Dienste der einzelnen Aufführung. Wenn ich ein Werk erarbeite, versuche ich immer Aufnahmen von ihnen zu finden.
Über Isabelle Faust sprach ich einst mit Claudio Abbado, der auch ein Mentor von Daniel Harding war. Abbado brachte Menschen zusammen, ohne selbst immer genau darum zu wissen. Ich bin heute mit vielen Musikerinnen und Musikern befreundet, die ich durch seine Vermittlung kennengelernt habe.

Das Jahr 2020 wird im Hinblick auf zwei Komponisten besondere Bedeutung gewinnen: Ludwig van Beethoven und Gustav Mahler.

Beethoven ist ein Komponist, den ich liebe und dessen Musik ich regelmäßig dirigiere. Als ich noch in Amsterdam studierte, wurden dort sämtliche Mahler-Symphonien zyklisch gegeben. Ich hatte nicht genug Geld, um mir Karten für alle Konzerte zu kaufen, aber vor dem Concertgebouw wurden die Proben und die Konzerte auf eine große Leinwand übertragen. Es war dort, dass ich zum ersten Male Claudio Abbado am Pult erlebte, mit Mahlers Fünfter Symphonie. Das werde ich niemals vergessen.

Titelfoto: Marco Borggreve

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