Zum Seiteninhalt springen Zur Navigation springen
25. November 2019

«zu viel ist zu viel» | Georg Friedrich Haas

von Georg Friedrich Haas

Konzert für Klangwerk und Orchester

Das Wort «Schlagzeug» ist doppelt falsch. Die Instrumente werden nicht geschlagen, sondern sie werden zum Klingen gebracht. Und es ist kein «Zeug», das ertönt, sondern es sind kostbare Artefakte – in manchen Traditionen gelten diese Instrumente sogar als Wohnsitz der Götter.

Es ist schwierig, in der deutschen Sprache eine Formulierung zu finden, die die (eurozentrisch bedingte) Geringschätzung der Perkussionsinstrumente zumindest verbal aufhebt.

«Idiophone» wäre schön. «Selbstklinger». Objekte, die ohne irgendein mechanisches Dazutun (wie z. B. das Spannen einer Saite oder das Anblasen einer Röhre) von sich aus klingen. – Aber leider sind die gespannten Felle der Trommeln und Pauken aus dieser Definition ausgeschlossen.

Der veraltete Begriff «Schlagwerk» vermeidet wenigstens das Wort «Zeug». In einem zweiten Schritt habe ich den Schwerpunkt weg vom aggressiven Akt des Schlagens und hin zum liebevoll konnotierten «Klingen» gelegt.

(Ich habe nicht nur den Part des Soloinstruments als «Klangwerk» bezeichnet, sondern auch die
Perkussionsstimmen im Orchester.)

Auffallender Bestandteil des Instrumentariums ist die «Klangwand»: Eine Ansammlung von circa 50 Objekten, die geordnet nach Tonhöhe (von unten nach oben) und nach Klang- bzw. Obertonreichtum (von links nach rechts) zweidimensional aufgehängt werden. Gegenstände des täglichen Lebens, gefunden auf der Straße, in der Werkstatt, in der Küche, am Schrottplatz – sie alle werden in das konzertierende Klangwerk einbezogen. John Cages Satz «If you celebrate it, it is art.» wird hier auf die Wahl der Instrumente übertragen.

Die beiden Klangwelten der Solostimme und des traditionellen Orchesters ergänzen sich nicht. Sie stehen einander zumeist fremd gegenüber. Sie greifen jeweils in signifikante Frequenzbereiche des Anderen ein.

«zu viel ist zu viel»

«less is more» – trifft das auf Musik tatsächlich zu?
Da bin ich sehr skeptisch. Ich möchte weder Schuberts «himmlische Längen» kürzen noch Ligetis Mikropolyphonie auf Zweistimmigkeit reduzieren. Als Hörer von Musikfestivals und als Kompositionslehrer konnte ich feststellen, dass das Problem, dass Musik «zu viel» enthält, nur sehr selten existiert. Viel häufiger findet das Umgekehrte statt, dass die Suppe zu dünn ist.

Welche Rolle spielt «less is more» für Ihr Komponieren?
Ich bemühe mich, das zu tun, was notwendig ist. Und ich versuche, klar und deutlich zu sprechen. Wichtiger als die Forderung «less is more» ist mir die Warnung: «zu viel ist zu viel.»

Was ist für Sie die extremste Form von «less is more» in der Musik?
John Cage, 4’33’’
Eines der reichhaltigsten Werke der Musikgeschichte


Sehen Sie in der Kultur der Gegenwart einen Trend zur Reduktion? Und in der Musik?
Nein. In den letzten 120 Jahren ist eine ungeheure Fülle neuen Materials entdeckt und erarbeitet worden. Ich fühle mich wie ein Kind, das einen neuen Baukasten geschenkt bekommen hat (…ja… vor langer, langer Zeit gab es so etwas…) und erst herausfinden muss, wie man damit umgehen kann.

Titelbild: Priska Ketterer

Konzerte

  • 29.11.2019 19:00 Uhr, Musiques d’aujourd’hui

    «Le Maximum du minimal» – OPL / Ilan Volkov / Christoph Sietzen

    None Zu diesem Konzert gibt es eine résonances-Veranstaltung Liegt in der Vergangenheit

    Orchestre Philharmonique du Luxembourg
    Ilan Volkov direction
    Christoph Sietzen percussion

    Eine Uraufführung ist immer ein Ereignis und dies umso mehr, wenn das Werk von Georg Friedrich Haas stammt, einem der wichtigsten Komponisten der Gegenwart. Sein Konzert für Klangwerk und Orchester hat er Christoph Sietzen direkt in die Finger komponiert, der es gemeinsam mit dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg und Ilan Volkov am 29.11. uraufführen wird. Einmal in die Geschichte der Orchestermusik und zurück in die Gegenwart reist am Tag zuvor (28.11.) das Orchestre national de Metz unter der Leitung von David Reiland und kontrastiert Werke von der Residenzkomponistin des Orchesters, Clara Iannotta, und von Franck Bedrossian mit zwei Kompositionen, die das Festivalthema «less is more» auf ganz besondere Weise verkörpern, nämlich Haydns Abschiedssymphonie und Ravels Boléro.

    Kulturpass, bienvenue!

    Dans le cadre de «less is more − rainy days 2019»
    Ce concert sera enregistré par radio 100.7 et diffusé en direct, puis le 11 décembre 2019.