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photo: Valentina Cenni photo: Valentina Cenni
 

Keine Routine, bitte

Stefano Bollani im Gespräch

Der allen Genregrenzen trotzende Pianist ist in drei sehr verschiedenen Konzerten irgendwo zwischen Jazz, Improvisation und klassischer Musik zu erleben. Aber warum genau sind diese Konzerte so verschieden?
Ich bin froh, dass ich dem Publikum ganz unterschiedliche Aspekte von Musik zeigen kann. Was mich wirklich begeistert, ist, jeden Abend andere Musik zu spielen. Keine Routine, bitte. Ich spiele ja auch Klavier, weil das das Beste ist, was man im Leben machen kann, um geregelter Arbeit aus dem Wege zu gehen.

Ihr Danish Trio besteht jetzt schon mehr als ein Jahrzehnt.
Uns hält eine Art telepathische Chemie zusammen. Wir brauchen über Musik nicht miteinander zu reden, wir spielen sie einfach… Das ist sehr erfrischend!

Wie würden Sie Ihr künstlerisches Verhältnis zu Ihrem Langzeitpartner Enrico Rava beschreiben, mit dem Sie im September 2016 spielen?
Enrico war der erste Berufsmusiker, dessen Musik ich liebte, der mir riet einen ganz persönlichen Weg einzuschlagen. Das tat ich dann nach unserem ersten Treffen im italienischen Prato auch. Seither haben wir gemeinsam mehr als 15 Alben eingespielt und sind wirklich überall aufgetreten. Er ist schlicht und ergreifend die wichtigste Bekanntschaft meines Lebens.

Ihre Solo-Konzerte zeigen einen sehr intimen Stefano, Sie spielen Musik verschiedenster Herkunft und singen auch. Fühlen Sie sich dabei dem Publikum näher?
Absolut. Das Publikum interagiert die ganze Zeit, und das brauche ich, um aufzutreten. Andernfalls wären da ja nur das Klavier und ich; und das ist nicht genug, um Spannung aufzubauen. Dazu braucht es eine dritte Seite!

Im Juni 2017 werden Sie mit dem OPL Ravels Klavierkonzert spielen, ein Werk, das Sie schon mit vielen namhaften Dirigenten in der ganzen Welt aufgeführt haben. Wie sind diese regelmäßigen Exkursionen ins klassische Repertoire für einen hauptsächlich im Jazz beheimateten Pianisten und Komponisten?
Ich habe aufgehört, das als «Exkursionen» zu bezeichnen, denn Musik ist ein Ganzes. In Genres teilen wir sie aus praktischen Gründen: um darüber reden zu können, aber vor allem, um sie zu verkaufen. Aber der Geist eines Musikers sollte frei sein von diesen Trennungskonzepten. Der Hauptunterschied zu einem sogenannten Jazz-Konzert ist natürlich, dass ich überhaupt nicht improvisiere. Aber wissen Sie, dieser Hit wurde von einem Genie geschrieben, das sich eine Menge Gedanken über jede Note gemacht und hart gearbeitet hat, um schöpferisch das Äußerste herauszuholen, warum sollte ich diese Noten dann ändern? Und das heißt nicht, dass das Spielen dann kein kreativer Prozess wäre. Es genügt, daran zu denken, dass die Musik ansonsten nichts als auf Papier festgehaltene Runen und Gekritzel wäre. Man muss sie durch das Spielen zum Leben und zum Schweben bringen.