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Die Kraft der Stimme

Anna Prohaska

Anna Prohaska (photo: Holger Hage Deutsche Grammophon) Anna Prohaska (photo: Holger Hage Deutsche Grammophon)
 

Seit ihrem Operndebüt im Alter von 18 Jahren verzückt und begeistert die Sopranistin Anna Prohaska das internationale Publikum mit ihrer Stimme und ihrem darstellerischen Talent auf der Opernbühne wie im Konzertsaal. Im Gespräch mit Lydia Rilling erzählt sie von ihrer künstlerischen Vielseitigkeit und den Programmen ihrer Residenz an der Philharmonie in der Saison 2017/18.

In Ihren drei Konzerten in der Philharmonie spielt Literatur eine große Rolle, am stärksten in Ihrem Programm «Shakespeare & Music». Haben Sie eine enge Beziehung zu Shakespeare?
Shakespeare hat mich mein Leben lang begleitet. Meine Mutter ist Engländerin und hat englische Literatur studiert, bevor sie Sängerin wurde. Shakespeare ist bei uns alltägliches Gesprächsthema. Er ist der Universalschriftsteller zu jedem Thema, ob zu Philosophie, Geschichte oder auch Musik. Ich finde es großartig, mit diesem Programm zur Julia und zu schönen Erinnerungen zurückzukehren. Bei einem meiner allerersten Auftritte habe ich mit 16 Jahren bei der Potsdamer Schlössernacht mit meinem Bruder fünf Mal hintereinander die Balkonszene aus Romeo und Julia gesungen, während ich auf einem sechs Meter hohen Balkon stand. Dazwischen haben wir Dowland und Purcell-Lieder mit Gitarre eingestreut. Das war auch toll, weil wir vom Alter genau zu Romeo und Julia passten.

Für Ihr Konzert mit dem OPL und Sébastien Rouland haben Sie Debussys Werk La Damoiselle élue ausgewählt. Was reizt Sie an dieser selten zu hörenden Komposition?
Debussy ist ein Komponist, den ich sehr liebe. Meine allererste Opernrolle war Yniold, der Knabe, in Debussys Pelléas et Mélisande. Seitdem habe ich immer versucht, möglichst viele Lieder von ihm in mein Repertoire einzubauen. Als ich an der Scala mit Daniel Barenboim seine Trois Ballades de François Villon gesungen habe, fand ich es unglaublich, wie die Stimme in diesen phantastischen Orchesterklang eingebettet ist. Für Debussy besonders charakteristisch ist sein Parlando-Stil, der sehr eng am Text orientiert ist. Als Sänger muss man da sehr auf die Textdeutlichkeit achten, und das macht mir bei Debussy auf Französisch ganz besonders Spaß.

Welche Idee steckt hinter Ihrem Programm «Behind the Lines» mit dem Pianisten Eric Schneider?
Ich habe mich seit meiner Jugend sehr intensiv mit der Geschichte des Ersten Weltkrieges beschäftigt und zwar besonders mit den Schicksalen der Dichter, die damals an vorderster Front gelitten haben oder gestorben sind, wie Wilfred Owen, Siegfried Sassoon oder Georg Trakl. Ich habe versucht, in «Behind the Lines» möglichst viele unterschiedliche Aspekte des Krieges zu beleuchten. Auf der einen Seite den Soldaten selbst, sein Innenleben und wie er leidet. Es soll nicht immer nur um Heldentum gehen. Auf der anderen Seite auch die weibliche Perspektive, ob es nun eine Kämpferin wie Jeanne d’Arc ist oder eine leidende Mutter oder Ehefrau wie bei Rachmaninow. Dann das Kriegslied eines Kindes von Hanns Eisler: eine skurrile Satire. Das ist mir wichtig, weil Kinder so gerne Krieg spielen und man diese Faszination des Krieges und den sehr freizügigen Umgang unserer Gesellschaft mit Gewalt kritisch beleuchten muss.
Mich berühren auch die Volkslieder über Krieg sehr, z. B. das schottische Lied «My love is in Germany» aus dem Dreißigjährigen Krieg. Viele Schotten sind als Söldner nach Deutschland gegangen und dort eines grausamen Todes gestorben, während zu Hause ihre Frau auf sie wartete. Ich beginne das Programm mit dem einfachen, aber sehr eindringlichen deutschen Lied aus diesem Krieg «Es geht ein dunkle Wolk herein». Es sind oftmals diese Lieder, die das Publikum bisher am meisten berührt haben, weil sie so unmittelbar und ungekünstelt sind.