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07 mai 2021

Musical treasures | Mike Oldfield: Incantations

von Jérôme Fellerich

The Philharmonie team presents its musical treasures.

Jérôme Fellerich Accountant
Mike Oldfield: Incantations. Virgin, 1978.

«Es war Anfang der 1980er Jahre, als ich dank meines älteren Bruders in Kontakt mit der Musik Mike Oldfields kam. Es begann mit dessen Erstlingswerk «Tubular Bells», ein Meisterstück des damals 19-jährigen Oldfield, das bei seiner Erscheinung 1973 als ‹progressive rock› durchaus in die Zeit passte, so wie zum Beispiel auch die Band Focus oder frühe Werke von Queen. «Tubular Bells» wurde im Erscheinungsjahr die Titelmusik des Films Der Exorzist.
Nach den Alben «Hergest Ridge» und «Ommadawn» schuf Mike Oldfield 1978 «Incantations».

Damals als junger Mensch und von keiner Sachkenntnis getrübt, gefiel mir «Incantations» sehr gut, und trotz der Länge von insgesamt 72 Minuten zogen mich die vier Teile in ihren Bann. Ich konnte mich nicht satthören. Obwohl das Stück recht minimalistisch und repetitiv ist, fand ich es nicht langweilig. Das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass das Anfangsthema von einer Querflöte, meinem damaligen Lieblingsinstrument, gespielt wird.

Jahre später, als ich mich mit den technischen Aspekten auseinandersetzte, ging mein Verständnis weit über das Erlebnis des Hörens, oder das reine ‹Konsumieren› des Werkes, hinaus.

Der Titel «Incantations», zu Deutsch «Zaubersprüche» oder «Beschwörungen», ist eigentlich eine klare Ansage des Komponisten und zeigt an, in welche Richtung das Werk gehen soll. Einflüsse kamen für Oldfield dabei von der zeitgenössischen Musik, beispielsweise von Musikern wie Terry Riley. Das Werk besteht aus vier Teilen, über weite Strecken modal, und alle teilen und zitieren eine bestimmte Akkordfolge.
Das Hauptelement sind moll-Akkorde, die Oldfield im aufsteigenden Quintenzirkel anordnet, und zwar bis er alle zwölf Tonarten durchlaufen hat und wieder beim Anfangsakkord anlangt. Dies ergibt eine Mischung aus einer eher düsteren moll-Stimmung und einer klar aufsteigenden Linie aus Ganztönen die bei jedem zweiten Akkord, im Quintenzirkel aufwärts, vorkommt (C – G – D- A – E – H – Fis – Cis- Gis – Es – B – F – C).
Ich persönlich empfinde es so, dass wegen der fehlenden ‹perfekten Kadenz› keine Auflösung oder Entspannung entsteht – bis zu dem Moment, in dem wieder rockigere Akkorde mit klassischer V-I Auflösung erklingen, wenn also der spannungsgeladene Dominant-Akkord (V) durch den Grundakkord (I) aufgelöst wird.

Im zweiten Teil kehrt Oldfield anfangs die Logik um und reiht über einen absteigenden Quintenzirkel Dur-Akkorde aneinander – um nach einigen Chorussen wieder zur Matrix des ersten Teils zu gelangen.

Das Album «Incantations» erreichte Platz 14 in den UK-Album-Charts und blieb hinter dem Erfolg von «Tubular Bells» zurück. Auf mich persönlich hatte es aber eine stärkere Wirkung. Und es war das letzte einer Serie von instrumentaler Musik.

Erst 1990 veröffentlichte Oldfield mit «Amarok» ein gegen den Plattenlabel-Mainstream konzipiertes Protest-Album. Es besteht aus einem einzigen Titel mit einer Länge von einer Stunde, was Single-Auskopplungen unmöglich machte. Es war das zweitletzte Album für Virgin-Records – mit versteckter Botschaft an den Inhaber des Labels.»