Dramatische Anekdoten gibt es in der klassischen Musik zuhauf, doch eine der hartnäckigsten Legenden ist der «Fluch der neunten Symphonie». Viele Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts wurden von ihm heimgesucht. Sobald ein Tonkünstler seine neunte Symphonie vollendet, klopft ihm das Schicksal auf die Schulter und befördert ihn vor der Fertigstellung einer möglichen Zehnten ins Jenseits – so besagt es der Mythos.
Auf den ersten Blick scheint die These überzeugend: Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Antonín Dvořák und Ralph Vaughan Williams gaben nach der Vollendung ihrer neunten Symphonien allesamt den Löffel ab. Anton Bruckner konnte sie nicht einmal fertigstellen und Gustav Mahler erkrankte während der Arbeit an seiner Zehnten zusätzlich zu seiner Herzerkrankung noch an einer Lungenentzündung.
Arnold Schönberg war jedenfalls überzeugt: «Es scheint, dass die Neunte eine Grenze ist. Wer darüber hinaus will, muss abtreten.» Selbst Philip Glass beendete zunächst seine Zehnte und widmete sich erst anschließend wieder seiner Neunten Symphonie. Schicksal? Oder Zufall? So oder so, unheimlich genug, um Komponisten dazu zu bringen, ihre Nummerierungen gründlich zu überdenken. Manche von ihnen versuchen sogar, die bösen Mächte hinter dem Fluch zu überlisten!
Mahler versucht das Schicksal zu überlisten
Der Aberglaube nahm seinen Anfang mit Gustav Mahler, einem Komponisten, der sich exzellent mit der Musikgeschichte auskannte und gleichzeitig tiefsitzende Angst vor dem Tod hatte. Als ihm jenes Muster bei Beethoven und Bruckner auffiel, kam ihm die zündende Idee: Seine Symphonien umbenennen und den Fluch umgehen! Ha!
Anstatt eine neunte Symphonie zu verfassen, komponierte er Das Lied von der Erde, ein symphonischer Liedzyklus… und im Grunde auch eine Symphonie. Doch er lehnte es ab, sie so zu nennen. Erst danach machte er sich daran, seine Symphonie N° 9 zu schreiben. Er hatte das Schicksal überlebt. Doch noch während der Arbeiten an seiner Zehnten, die unvollendet blieb, starb er. Ist es Zufall, dass der letzte Satz der Symphonie N° 10 den perkussiven Klang eines Trauermarsches imitiert? Das Schicksal lässt sich von der schlauen Umbenennung von Werken nicht hinters Licht führen.
Wie die Neunte zu ihrem Ruf kam
Die einzigen Vorläufer, die Mahler während der Komposition seiner Symphonien im Hinterkopf gehabt haben könnte, waren Beethoven und Bruckner.
Nachdem Beethoven 1824 seine revolutionäre Neunte Symphonie über Einigkeit und Hoffnung mit der krönenden «Ode an die Freude» beendet hatte, widmete er sich seinen späten Streichquartetten. Obwohl er ein paar rohe Skizzen für seine nächste Symphonie verfasst hatte, starb er drei Jahre später nach langanhaltender Krankheit.
Bruckner gab die Partitur seiner zweiten Symphonie auf halbem Weg auf, weil er sie nicht besonders inspirierend fand, und stiftete Verwirrung, indem er sie in Symphonie N° 0 umbenannte. Aus Bewunderung und Respekt für Beethoven nahm er sich für seine Neunte Zeit. Bevor er sie fertigstellen konnte, starb er und hinterließ somit ebenfalls weniger als zehn Symphonien.
Von Schuberts «Großer» Symphonie wusste der ängstliche Mahler nicht, denn zu seinen Lebzeiten wurde sie noch als Siebte bezeichnet. (Bis heute ist die Nummerierung umstritten: Schubert ließ seine Symphonien N° 7 und N° 8 unvollendet, weshalb manche Verleger sie dazuzählen und andere nicht. Daher das Chaos!) Leider starb Schubert im Alter von nur 31 Jahren, ohne seine «Große» jemals in einer Aufführung gehört zu haben.
Dvořáks Neunte Symphonie «Aus der Neuen Welt» wurde hingegen als Fünfte veröffentlicht, bevor nach seinem Tod vier weitere Symphonien auftauchten. Der deutsche Komponist Louis Spohr findet sich ebenfalls regelmäßig auf der Liste der Verdammten, obwohl er eine zehnte Symphonie vollendete, die er jedoch später wieder verwarf.
Liest sich das alles nicht wie eine Kriminalgeschichte? Ist eine geheimnisvolle Macht am Werk, die große Komponisten jäh ausbremst?
Warum neunte Symphonien nach Abschied klingen
Unheimlicherweise könnte man meinen, manche neunte Symphonien fühlen sich nach Abschied an. Mahlers Neunte verklingt langsam in der Stille, in Beethovens Neunter erhebt die menschliche Stimme sich in himmlische Höhen, und Schuberts Neunte ist von einer zeitlosen Schönheit, von der man nicht möchte, dass sie jemals aufhört. Bruckners Neunter fehlt der letzte Satz, aber das Adagio: Langsam, feierlich endet alles andere als abrupt. Es ist, als hätte die Zahl Neun in der klassischen Musik der Romantik eine eigene Persönlichkeit: nachdenklich, dramatisch, vielleicht etwas fatalistisch.
Dennoch sind viele Komponisten über die Zahl Neun hinausgekommen: Mozart verfasste 41 Symphonien, Joseph Haydn schrieb 104 Symphonien. Und als ob es keine Anstrengung erforderte, komponierte Leif Segerstam ganze 327 Symphonien…
Von Symphonien zu Rockstars
Ein jüngerer Fluch der Pop-Musik ist der Klub 27, dem Ikonen wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse angehören, die alle im Alter von 27 Jahren starben. Weil es dabei nur um das Alter und nicht etwa um eine bestimmte Anzahl an Alben geht, wurde die Zahl 27 zu einem kulturellen Symbol für Künstlerinnen und Künstler, die zu früh von uns gegangen sind.
Ob Sie daran glauben oder nicht, der «Fluch der neunten Symphonie» zeigt, dass selbst die größten und cleversten Komponisten von der Idee einer gespenstischen Kraft heimgesucht werden können, die den Vorhang einer Komponistenkarriere nach der letzten Note ihrer neunten Symphonie zuzieht…