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Radhe Radhe: Rites of
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Komponist Vijay Iyer im Profil, richtet sein Hemd, trägt dunklen Anzug mit rotem Einstecktuch vor rotem Hintergrund.

Der Filmemacher Prashant Bhargava und ich schufen Radhe Radhe: Rites of Holi in den Jahren 2013/14 zum hundertjährigen Jubiläum von Strawinskys Le Sacre du printemps (Das Frühlingsopfer). Im Auftrag von Carolina Performing Arts konzentriert sich unser Projekt auf das Holi-Fest, ein Frühlingsfest mit hinduistischen Ursprüngen, das in ganz Südasien und weltweit begangen wird. Prashants bemerkenswerter, grenzüberschreitender Film zeigt es als ein alles verschlingendes, chaotisches, ausgelassenes, derbes und mitunter erschütterndes, mehrere Tage andauerndes Ritual der Hingabe. Der Film entfaltet sich in engem Kontrapunkt zu meiner Live-Partitur für Bläser, Streicher, Perkussion, Klaviere und Elektronik. In den zwölf Jahren seit seiner Uraufführung haben der gefährliche Aufstieg des hinduistischen Nationalismus in Indien und innerhalb der globalen indischen Diaspora, der systematische Abbau von Bürgerrechten für Muslim*innen sowie andere religiöse Minderheiten während Modis elfjähriger Amtszeit als indischer Premierminister und die weitverbreitete hindu-chauvinistische, kastenbasierte und antimuslimische Gewalt auf dem gesamten Subkontinent dieses Projekt in ein anderes, problematischeres Licht gerückt. Ich empfinde es heute als besonders dringlich, unsere Arbeit neu zu kontextualisieren, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der globale Antiislamismus in Europa und Nordamerika ebenso wie in Indien gefährliche Ausmaße erreicht hat. Unser geschätzter Prashant starb 2015 plötzlich und tragisch im Alter von 42 Jahren. Er war wie ein Bruder für mich. Wäre er heute bei uns, würde er sein Mitgefühl für die lebhafte muslimische Gemeinschaft Luxemburgs zum Ausdruck bringen wollen, deren Sorgen in diesem historischen Moment besonders verstärkt werden.

Die heutige Aufführung ist ihnen gewidmet, allen Nichtwestlerinnen und Nichtwestlern, die sich darin wiederfinden, und Prashant. Er gehörte zu den Besten und wir vermissen ihn sehr. Im Folgenden finden Sie unsere ursprüngliche Programmeinführung aus dem Jahr 2014. Vielen Dank, dass Sie heute dabei sind.

Vijay Iyer

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Holi ist weltweit als fröhliches, chaotisches und farbenprächtiges Frühlingsfest in Indien bekannt. Als wir eingeladen wurden, auf Strawinskys eigenes, berühmt chaotisches Werk über den Frühling zu reagieren, weckte die mögliche Verbindung zu Holi unser Interesse. Dieses Fest bietet einen Anlass, die in Le Sacre du printemps dargestellten Aspekte von Ritual und Transformation neu zu betrachten.  

In frühen Gesprächen wurde uns klar, dass wir uns weniger für eine künstlerisch-fantasievolle Auseinandersetzung mit heidnischen Opfern interessierten als für die gelebte und empfundene Realität von Menschen, die sich an der Schwelle einer Veränderung befinden: für die Bedeutung von Mythos als lebendiges Erbe im irdischen Leben. Unser Blick richtete sich auf die Region Braj im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die mythische Heimat Krishnas, jenes hinduistischen Gottes, dessen jugendliche Flirts mit seiner Geliebten Radha und ihren Freundinnen einen der Erzählstränge des Festes bilden. Einer Überlieferung zufolge schleicht sich der junge Gott, (der als dunkelhäutig beschrieben und blau dargestellt wird), aus Ärger darüber, dass Radha so hellhäutig ist, an sie und ihre Freundinnen heran und überrascht die Mädchen mit einem Regen aus Farbpulver, vielleicht um einen Ausgleich herzustellen. Ob als spielerische Strategie zur Überwindung rassischer Unterschiede, als Moment des Zusammenspiels von Geschlecht und Macht oder schlicht als Ausdruck einer jugendlichen Fantasie – diese impulsive Tat bildet heute das kathartische Zentrum des Holi-Rituals. An diesem Tag wird jede und jeder zu Krishna und Radha (liebevoll Radhe genannt); alle werfen Farbe und werden mit Farbe beworfen. Ein pulsierendes Verlangen nach einer Verbindung zu der Göttin versetzt eine ganze Stadt in einen fiebrigen Zustand aus Drehen und Sehnen. Alle treten in eine ungehemmte, ekstatische Freiheit ein, die für den Rest des Jahres verborgen bleibt. Im März 2012 reisten Prashant und sein Filmteam nach Mathura und in die umliegende Region, wo die Holi-Feiern nicht einen Tag und eine Nacht dauern, sondern acht. Die Kameras hielten Mitglieder einer Gemeinschaft in gesteigerten Momenten der Verwandlung fest, während sich die Jahreszeiten ihres eigenen Lebens weiterdrehen. Die Tempel füllen sich mit Gläubigen, die ohne Zurückhaltung tanzen und drängen, um Segen zu empfangen. Gruppen von Jugendlichen lungern an Straßenecken mit Eimern voller farbiger Flüssigkeiten und Pulver und warten darauf, Vorübergehende zu übergießen. Männer, berauscht von alkoholischen Getränken, pilgern in prächtigen Gewändern aus der Region von Krishnas Wirkungsort und mit zeremoniellen Schilden ausgerüstet in Radhas Dorf; während sie lärmend mit sexuell anzüglichen Gesängen provozieren, warten die Frauen bewaffnet mit langen Stöcken darauf, sie zu schlagen. Reinigende Feuer, Ausdrucksformen tiefer Frömmigkeit und Akte der Askese bilden nachts einen Gegenpol zu den derben Tagesfesten. Radhe Radhe: Rites of Holi ist eine hingebungsvolle, der Göttin Radha gewidmete Reise. In diesem Projekt antworten wir mit einem neuen Werk für Kammerensemble und Film auf die Sacre-Partitur und ihr Ballett. Unsere Suite für Bläser, Streicher, Perkussion, Klaviere und Elektronik entfaltet sich im Live-Kontrapunkt zu filmischen Episoden, die aus dem Holi-Material und aus einer inszenierten Darstellung von Radhas Begegnung mit Krishna zusammengestellt sind. Die Zeitlichkeiten, die die Partitur strukturieren, speisen sich nicht nur aus den Rhythmen der Rituale und Tänze, die auf der Leinwand zu sehen sind, sondern auch aus den Erfahrungen von Sehnsucht, Katharsis und Transzendenz, die dieses Fest hervorruft. Das Ergebnis ist zugleich eine Art Ballett: eine performative Begegnung zwischen Live-Musik und Film, zwischen gelebter Erfahrung und Mythos, dem Selbst und dem verwandelten Selbst, Winter und Frühling.

Vijay Iyer & Prashant Bhargava

Wie wäre es mit einer Reise nach Indien?

Echoes of India

In dieser Saison widmet sich die Philharmonie in einer neuen Konzertreihe der Vielfalt der indischen Kultur. Von Bollywood bis Holi, von etablierten Legenden über Nachwuchsstimmen: Wählen Sie mindestens 4 Konzerte und profitieren Sie von einer Ermäßigung auf diese einzigartige musikalische Reise.

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Indische Menschen beim Feiern des Holi-Festes

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